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Ungeklärte Fragen

Kurt Hofmann

Zur Diagonale 2018

20.03.2018

Das war eine Diagonale, die sich nicht scheute, dem Diskurs breiten Raum zu geben: anhand gegenwärtiger Probleme, wie bei Istvans „Cops“ oder Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“ und ebenso bei der Auseinandersetzung mit dem immer noch Gegenwärtigen, wie etwa bei Beckermanns „Waldheims Walzer“ (siehe : Die Linke, Berlinale/1), Froschs „Murer“, Ulrich A.Reiterers Making-Of-Doku der Verfilmung von Jelineks „Die Kinder der Toten“ („Die Untoten von Neuberg“) und naturgemäß auch beim diesjährigen, Amos Vogel gewidmeten Synema-Projekt (im Anhang dieses Artikels findet sich die Besprechung einer Amos Vogel gewidmeten Broschüre).

Es galt, das war ein dramaturgischer Leitfaden des Intendantenduos Höglinger/Schernhuber in dessen drittem Jahr, sich ungeklärten Fragen zu stellen, anstatt sich in einen Elfenbeinturm zurückzuziehen.

Letzte Worte: Hans will nicht hören, was ihm seine Frau, die ihm auf der Sprachbox beschwört, zu ihr zurückzukommen, noch zu sagen hat. Die Frau auf der Bank am Straßenrand spricht ein letztes Mal mit einem, der ihr nahe war und sie verraten hat, danach wird sie ihr Handy nie mehr verwenden, sie hat keinen Gebrauch mehr dafür… Abschiede: Zwei, die mit der (ihrer) Welt gebrochen haben, treffen aufeinander. Hans nimmt die Frau in seinem Mopedauto mit, auf eine scheinbar ziellose Reise… Antworten: Die einstige Wohnstatt der Frau soll versteigert werden, die Frau betrachtet noch einmal das Haus, zu dem sie gefahren sind, erkennt es kaum wieder, sieht (im Haus) ihr Leben…

„Aufbruch“ (WB; AT 2018) nennt sich der neue Film von Ludwig Wüst und die von ihm und Claudia Martini verkörperten Figuren sind Teil eines Endes, dessen Anfang verloren gegangen ist. Sie haben einander nicht viel zu sagen - oder alles … Wie selbstverständlich schmiedet Hans in einer verlassenen Werkstatt, die er aufbricht, ein Kreuz für die Frau zusammen, Symbol eines Abschlusses. Wie, denn, ein „Aufbruch“? Man mag es auch ein (letztes) Aufbäumen nennen, von zweien, welche, jede/r für sich, Bilanz gezogen haben über das Vergangene. Noch einmal wird etwas (das Kreuz) fertiggestellt, es entsteht eine (nahezu) wortlose Nähe zwischen den Beiden. Doch als Hans sich später der Frau erklären will, ist es zu spät…

Wüsts „Aufbruch“ verweigert sich (einmal mehr bei Wüst) der üblichen Kinoroutine. Der Schauplatz ist in the middle of nowhere - wo das Leben aus den Menschen gewichen ist, findet auch kein Leben mehr statt. Ein Endspiel auf „neutralem Boden“. Nichts geht mehr, doch alles ist möglich…

Absperren, ausgrenzen: Diese Idee hatte der aktuelle Kanzler schon vor geraumer Zeit, der „Balkanroute“ sollte der Brenner folgen, ein Zaun zur „Flüchtlingsabwehr“ müsse dort her, hieß es . Es sei „Die bauliche Maßnahme“ (WB/Dok; AT 2018; Regie: Nikolaus Geyrhalter), notwendig, weil ein Gebot der Zeit…. Ratlos verkünden die führenden Vertreter der Tiroler Gendarmerie in der Pressekonferenz, was denn alles passieren werde, damit nichts passieren könne. All dies eher unfreiwillig komisch, tyrolian slapstick. Nikolaus Geyrhalter spricht mit den Menschen der Umgebung, und siehe da , vielen erschließt sich die Maßnahme nicht. So manch eine/r, von dem/der man auf den ersten Blick erwarten würde, dass er/sie nun losziehen würde gegen die Flüchtlinge, erweist sich als Humanist/in, bloß die sympathisch wirkende junge Mautbeamtin, die zunächst locker und entspannt agiert, ist plötzlich nicht mehr zu halten, als die Rede auf jene, die hier Schutz und in der Folge Asyl suchen, kommt…

Insgesamt jedoch zeigt es sich, dass die angeblich vor Angst zitternden und zu Schützenden die bauliche Maßnahme weder herbeigesehnt haben noch für sinnvoll erachten… Aber es kommt so, wie es häufig kommt in diesem schönen Land: Nachdem Geyrhalter bei mehreren Kontrollen mit dabei war, an Orten, wo versteckte Flüchtlinge vermutet werden, begleitet er die Gendarmerie beim Öffnen eines Containers: dort befinden sich allerdings keine raffinierten Eindringlinge aus fremdem Land, sondern der als Grenzabsperrung vorgesehene Maschendrahtzaun, gut abgelagert nun schon seit einigen Jahren und regelmäßig auf seine allfällige Tauglichkeit überprüft…

„Ist es schon Wahnsinn, hat es doch Methode!“ – dieser Satz aus Shakespeares „Hamlet“ könnte auch das Motto von Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“ sein, dessen filmische Recherche zum Brenner, den geplanten Grenzziehungen und zu den Menschen rund um den Brenner zu Recht den Dokumentarpreis der Diagonale erhielt.

Den beiden TheatermacherInnen aus den USA, die den Stoff verfilmen s(w)ollen, hat man die Geschichte erzählt, als oral story, Zug um Zug, denn es existiert keine vollständige Übersetzung. Den LaiendarstellerInnern vor Ort, die das Buch allesamt nicht gelesen oder gleich wieder weggelegt haben, haben die RegisseurInnen aus den USA die jeweilige (Mini-)szene, in der sie spielen, erklärt, für diejenigen, denen die englische Sprache nicht vertraut ist, „mit Händen und Füßen“. Dies alles erweist sich beim ersten Blick auf das Making-Of der Verfilmung von Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ nicht als Hindernis, sondern nahezu als ideale Voraussetzung.

Als Auftragsarbeit des „Steirischen Herbstes“ entstanden, versammelte das „Nature Theater of Oklahoma“ für ihre (Super-8!-) Verfilmung von Jelineks Buch am „Originalort“ Untote (Jelineks Lieblingsfilm „Carnival of Souls“ haben Kelly Cooper und Pavol Liska genau „unter die Lupe genommen“ und als Inspiration empfunden) und diverse Blaskapellen, zur Kenntlichkeit entstellte reale Horrorfiguren unserer Tage agieren neben diensteifrigen Feuerwehrleuten, die mögliche Folgen von vorgesehenen Brandeffekten vermeiden sollen… Im bunten, durchwegs hochambitionierten Menschengewirr ist der Spaß, den alle an der Sache haben, unübersehbar, es scheint, als nehme ganz Neuberg an den Dreharbeiten Teil… Dabei zeigen die Interviews, die Ulrich A. Reiterer für seinen Making-Of-Film „Die Untoten von Neuberg (Specials; AT 2018)“ mit den (Laien-)DarstellerInnen führte, dass einige von ihnen der Autorin ursprünglich keineswegs vorurteilsfrei gegenüberstanden, basierend zwar durchwegs auf Gerüchten, aufgeschnappt durch Lektüre des Boulevard, nicht der Bücher von Elfriede Jelinek, doch die Dreharbeiten mitten im geordneten Chaos, die „Hetz“ (die auch in Ernst umschlägt, wenn sich eine Hatz zeigt), als die jene ihre schauspielerische Arbeit letztlich empfinden, relativierte derartige schnelle Schlüsse auf nahezu wundersame Weise…

„Die Untoten von Neuberg“ erweist sich mehr als das „Beiprogramm“ zum noch fertigzustellenden "eigentlichen" Film, Ulrich A.Reiterer spielt mit den unvermeidlichen Erwartungen - an die ohnedies schwer vorstellbare Verfilmung von Jelineks Buch, an ein Laienensemble, das ebenso überfordert wie naturgemäß feindselig gesinnt sein - müsste, an ein US-Regieduo, welches das Buch nicht kennt und die Verhältnisse hierzulande auch nur ansatzweise… Und siehe da: all dies löst sich auf - im Spiel… Reiterers „Die Untoten von Neuberg“ hat die Latte für den „eigentlichen“ Film hoch gelegt: das Vergnügen, welches man beim Zusehen empfand, muss durch Cooper/Liskas Film erstmal getoppt werden… (aber die Aussichten dafür sind gut… )

Als Beiprogramm war „Die Steiermark hasse ich am allerwenigsten, Gespräch mit Elfriede Jelinek“ (Specials; AT 2018; Regie und Konzept: Ulrich A.Reiterer, Claus Philipp, Veronika Kaup-Hasler), entstanden im Rahmen des Projekts „Die Kinder der Toten“, zu sehen.

Dass sich Elfriede Jelinek zu einem ausführlichen Gespräch bereit erklärte, war keinesfalls selbstverständlich, dass es zu einem bemerkenswerten Dokument wurde, ist Claus Philipp zu danken, denn auch die Antworten der legitimen Erbin von Karl Kraus bedurften der "richtigen" (wissenden und präzisen) Fragen.

Christoph will als Polizist Karriere machen, genauer, er will zur WEGA, dort, wo die „harten Burschen“ sind. Schon hat er es in der Gruppe derer, die zum fixen Mitglied dieser Einheit werden könnten, geschafft. Sein erster Einsatz, ein Fall von Ruhestörung, zu der die StreifenpolizistInnen zur „Sicherheit“ auch die WEGA gerufen haben, wegen des hohen Aggressionspotentials des Festzusetzenden, beschert Christoph die Gunst des Kommandanten. Denn er hat jenem, als der vom „Täter“ mit einem Messer angegriffen wird, angeblich das Leben gerettet, indem er den Mann über den Haufen schoss. Nach und nach muss Christoph erkennen, dass seine Einschätzung der Situation vor Ort falsch gewesen sein könnte, daran zerbricht die Beziehung zu seiner Freundin ebenso wie seine Selbstgewissheit. Aber es gibt für ihn kein Zurück…

„Cops“ (WB; AT 2018; Regie: Istvan) führt in eine Welt der Posen und des „Korpsgeist“. Das Hinterfragen von Vorgängen ist da fast schon Verrat und das aufgesetzte Machotum verdeckt die Unsicherheit, die Angst, die stets aus Neue kaschiert werden muss… Christophs Freundin ist auch Polizistin, Christophs Vater ist (Polizei-) Fanbetreuer bei Rapid - da ist für einen wie den aufstrebenden „Supercop“ ein Leben nur in der „Einheit“ (man beachte den Ausdruck… ) vorstellbar.

Was „Cops“ eindrücklich zeigt: wie die, denen in den Billigblättern stets alles zugetraut wird (freilich nur im Sinne des -trauens), ticken, wie nicht sein kann, was nicht sein darf. Vor allem aber: welche Gewalt von „Männlichkeitswahn“ und vom Männerbündischen ausgehen kann, in der Verbindung von Adrenalin und potentieller Aggression…

Der SS-Führer Franz Murer gilt als „Schlächter von Vilnius“, wo er zwischen 1941-1943 wahllos unzählige Juden ermordete. Als es 1963 endlich zum Prozess gegen ihn in Österreich kommt, hat er sich bereits als biederer Großbauer und ÖVP-Funktionär etabliert. Im Prozess wird das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt, die aussagenden Überlebenden werden beleidigt und verhöhnt, als LügnerInnen dargestellt. Der Hauptcoup des zynischen Murer-Verteidigers ist die Frage nach der Farbe von Murers Uniform - denen, die sie in der Erinnerung nach Jahrzehnten falsch beantworten, wird verbal der Prozess gemacht, ihre Toten und Murers Taten zählen da nicht mehr. Hinter den Kulissen gibt es zahllose politische Interventionen. Die Stimmen der vielen „Ehemaligen“ im Lande sind wertvolles Wahlgut, da sieht man über ermordete Juden (die als WählerInnen somit ausfallen) ohne Gewissensbisse hinweg…

„Murer-Anatomie eines Prozesses“ (WB; AT 2018; Regie:Christian Frosch) zeigt ein Nachkriegsösterreich im Zeichen des Kalten Krieges, das den „Feind“ jedenfalls nicht in einem Massenmörder in SS-Uniform sieht. Am Tag des skandalösen Freispruchs für Murer sind alle Blumenläden in Graz ausverkauft, so viele wollen Murer gratulieren… Froschs Film untersucht die (Un-)Kultur des Wegschauens, des Nicht-Dabeigewesenseins, ebenso wie das bewusste Verkehren bzw. Ignorieren der Wahrheit - Fake-News würde man 2018 sagen. Wegschauen, Vergessen, Ausblenden – Klingelt da was?

 

 

Der Unentbehrliche

Zur Broschüre "Amos Vogel-Ein New Yorker Cineast aus Wien"

Bei der diesjährigen "Diagonale" war "Synema" (immerhin) mit zwei Amos Vogel gewidmeten Programmen vertreten. Keine Frage, dass dies zum Interessantesten zählte, was die "Diagonale" 2018 zu anzubieten hatte.

Im Foyer der Kinos in Graz, die den Amos Vogel-Schwerpunkt zeigten, wurde aus diesem Anlass auch die 2011 entstandene Broschüre "Amos Vogel-Ein New Yorker Cineast aus Wien" von Brigitte Mayr und Michael Omasta aufgelegt. Dieses handliche 40seitige Übersichtswerk mit einer Einleitung der AutorInnen versteht es, den Facettenreichtum dieses unermüdlichen Filmliebhabers zu betonen. Was ihm die Nazis, vor denen die Familie Vogelbaum 1938 über Kuba in die USA, nach New York, flüchtete, geraubt haben, ist für den einstigen Klassenprimus in Deutsch die Lektüre von Goethe, Brecht, Büchner, Tucholsky... in seiner Muttersprache. Ein halbes Jahrhundert nach seiner Vertreibung notiert Vogel: "Ich schreibe jetzt 'auf Deutsch' zum ersten Mal seit den 40er Jahren, und schäme mich, so vieles nicht richtig ausdrücken zu können. Ich wurde meiner Muttersprache beraubt, und lerne sie nur langsam wieder, wie einer, der einen Schlaganfall gehabt hat und jetzt versucht, wieder zu gehen." (Mayr/Omasta: Amos Vogel..., S. 4)

Mit 26 Jahren gründet Vogel gemeinsam mit seiner Frau Marcia den Filmclub "Cinema 16", dessen Einfluss Generationen junger FilmemacherInnen ebenso prägt wie er die Neugierde von Cinephilen weckt, die mehr sehen wollen, als es der Monopolist Hollywood zulässt. Als Verleiher sorgt Vogel dafür, dass ein interessiertes bzw. zu interessierendes Publikum über jene hinaus, die er damit bereits "angesteckt" hat, diese Filme auch anderswo, in Schulen, Museen und Kulturvereinen sehen kann. Sein Standardwerk "Film as a Subversive Art" ist bis heute eines der einflussreichsten Bücher über ein wider den Stachel lökendes Kino.

Amos Vogel, der Filmkritiker, ist stets auf der Seite der Erneuerer, der Avantgardisten, und antwortet 1996 einer im Falter 17/1996 erschienenen Umfrage nach dem Einfluss der Nouvelle Vague: "Auch wenn rückblickend klar ist, dass sie immer Teil des kommerziellen Kinos blieben, sind ihre Versuche, neue Themen und neue Formen des Ausdrucks zu finden, heute so frisch wie eh und je..." (Mayr/Omasta: Amos Vogel..., S 24) Doch weiß er auch die Ideologie des Hollywoodkinos richtig einzuschätzen: "(...) Der Exorzist ist der erste originäre Post-Vietnam-Film des amerikanischen Kinos und der Versuch, der Nation ihr schlechtes Gewissen auszutreiben. Während er das Böse in uns zeigt, entlässt er uns zugleich aus einer persönlichen Verantwortung, spricht einer beherrschenden Moral das Wort und proklamiert die Notwendigkeit der Anrufung einer wohlwollenden, höheren Macht, um uns vor uns selbst zu schützen." (Mayr/Omasta: Amos Vogel...S, 19)

Cineast, Filmclub-Betreiber, Verleiher, Autor, Schutzpatron eines "anderen" Kinos, all dies und mehr war Amos Vogel. Eine klug ausgewählte kleine Zahl seiner Texte in der Broschüre "Amos Vogel - Ein New Yorker Cineast aus Wien" gibt einen Widerschein seines umfangreichen Schaffens.

Kurt Hofmann

 

Brigitte Mayr / Michael Omasta
Amos Vogel - Ein New Yorker Cineast aus Wien
Synema-Publikationen
ISBN 978-3-901644-40-5

Preis € 7.-