die Linke

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home Artikel Kultur & Film Nachspüren, was war
Adresse: https://dielinke.at/artikel/kultur-film/nachspuren-was-war

Nachspüren, was war

Kurt Hofmann

Zur Diagonale 2019

27.03.2019

Wenig schien in diesem Jahrgang von ungefähr zu sein und vieles durchdacht, bisweilen sogar in „doppelter Hinsicht“: Da wurden mit Ludwig Wüst und Johann Lurf zwei Regisseure in den Mittelpunkt gestellt, die ebenso Einzelgänger sind, wie in ihrem Werk unverwechselbar, Solitäre alle beide. Da hatten die Jurys mit „The Remains“ und Chaos“ zwei Filme, die sich gleichermaßen mit Flucht und Trauma beschäftigen, ausgezeichnet – ein Statement zweifellos, ebenso wie Johann Lurfs Trailer gegen Nationalismus und Verhetzung. Und da wurden schon im Vorfeld des Festivals die Verträge der Diagonaleleiter Stefan Höglinger und Peter Schernhuber verlängert und diesen damit Planungssicherheit ermöglicht – eine richtige Entscheidung.

Insgesamt war die Diagonale 2019 ein Jahr der Entdeckungen, in dem das „in sich Ruhende“ ebenso vertreten war wie das Spektakuläre.

Mehr als ein Bauer sei er wohl ein Hirte, sagt Gottfried, der gemeinsam mit seiner Frau Elfie einen Hof bestellt, zu Beginn von Othmar Schmiderers „Die Tage wie das Jahr“. Denn es geht ihm um das Hüten, das Behüten der Tiere, mit denen er lebt. Schlagworte wie „biologisch“ oder „nachhaltig“ sind schnell zur Hand, könnten aber nur ungefähr erfassen, wie Gottfried und Elfie ihren Alltag verstehen. Schmiderer vermeidet das Kategorisieren, er zeigt, was ist. Der Titel – „Die Tage wie das Jahr“ – sagt ja schon alles. Abends besprechen Gottfried und Elfie wann morgens aufzustehen sei – mit „dem ersten Hahnenschrei“ selbstverständlich, denn zwei müssen hier das schaffen, wofür anderswo viele am Werk sind. Am Wochenende werden die eigenen Produkte wie Ziegenkäse vom Hof am Wochenmarkt verkauft. Vieles wird von den auswärtigen Kunden telefonisch geordert, es mangelt nicht an Nachfrage. Die Tage wie das Jahr scheinen da eins zu sein, doch nicht gleichförmig. Da machen zwei, wie es in der Stadt flapsig hieße, „ihr Ding“, sie leben im Einklang mit ihren Vorstellungen, die eben nicht ständiges Expandieren und Ausbeutung des Bodens wie des Viehs bedeuten. Othmar Schmiderer verweist in „Die Tage wie das Jahr“ auf diesen Einklang,ohne ihn zu einer Idylle zu verbiegen und, indem er das vorführt, ohne es eines Wortes oder eines Bildes zu würdigen... auch auf das Gegenteil, den profitorientierten „Normalfall“ großbäuerlicher Existenzen. Gottfried und Elfie sind unverstellt in ihrem Tun und diese Selbstverständlichkeit zeichnet auch Schmiderers Film aus. 

Jakob ist siebzehn und Teil einer nur scheinbar verschworenen Männergemeinschaft über die Generationen hinweg: Mit dem Vater und dem dementen Großvater werden Fernsehabende absolviert, ein starres Ritual, man hat einander nichts zu sagen. Morgens dann das gemeinsame Frühstück mit dem Erzeuger, danach geht’s ab in den neuen Job, den der Vater besorgt hat. Jakob soll – zwecks finanziellen Beitrags zur Haushaltskasse – in einem Schlachthof anfangen. Dort, wo der Alte seit Jahren sein Geld verdient, wird nun auch der Junge eingearbeitet, und Jakob stellt sich dieser Aufgabe ebenso stoisch und maschinenhaft wie den geregelten Abläufen in seiner Familie. Schon das äußere Bild paßt nicht: eine schmale jugendliche Gestalt kommt hier in eine Welt „gestandener Männer“, die einander gerne abgestandene Witze erzählen - erneut ein dumpfes Miteinander, in das es Jakob verschlagen hat. Abends, wenn er in seinem Zimmer für sich ist, chattet Jakob auf den Sex-Cam-Chats für schwule Männer. In diesem virtuellen Kosmos der Versprechungen und Ungewissheiten lernt Jakob Kristjan kennen. Über einen dünnen Gesprächsfaden hinweg werden Körperteile per Bildschirm ausgetauscht. Spät erst erfährt Jakob, dass Kristjan sechsundzwanzig und Künstler ist – ein Vertrauensbeweis, dem eine Einladung folgt... In der Arbeit kollabiert Jakob erstmals, später auch, als er das Lokal betreten will, in dem er Kristjan treffen will. Seltsam, diese Zusammenbrüche...

Später konstatiert der behandelnde Arzt eine Angststörung. Angst: Georg Schmidinger vermeidet in „Nevrland“ jede Psychologisierung, liefert keine vordergründigen Erklärungsversuche. Auch das „coming of age“ – Thema wird eher nebenbei abgehandelt. Doch der Siebzehnjährige, der sich ausprobieren will, sieht sich daheim wie im Job einer feindseligen Umgebung ausgeliefert und hat auch vor seiner Begegnung mit Kristjan offenbar keinerlei sozialen Kontakte, fürchtet sich dann sichtlich, etwas falsch zu machen – so entsteht Angst... „Nevrland“ entwickelt seine Geschichte abseits des Erzählkinos – die virtuelle Ebene spielt eine wichtige Rolle, mehr noch die Musik, die vibrierenden Techno-Klangwellen, welche die Vorgänge vorantreiben. Jakob entdeckt seine sexuelle Orientierung, doch er muss und wird sich nicht dramatisch outen – Drama war gestern. Mit Simon Frühwirth hat Schmidinger einen idealtypischen Hauptdarsteller gefunden. Sehenswert aber auch die ambivalente Verkörperung des Vaters durch Josef Hader: Scheint es erst, als sei Jakobs Vater ein gefühlskalter Vertreter des Status quo, der ewiggleichen Abläufe im Leben, entwickelt dieser plötzlich auch Momente der Empathie, um danach wieder in ignorante Starre zurückzufallen... 

Abseits des Klischees erzählt Georg Schmidinger in „Nevrland“ sensibel und authentisch über einen siebzehnjährigen Jugendlichen, der isoliert aufwächst und später der Angst begegnet.

Zehn Jahre lang haben Karin und Lukas einander nicht gesehen, die einst eine kurze, aber intensive Affäre verband. Nun begegnen sie einander wieder und es scheint, als wäre seit damals kein Tag vergangen... Was Karin Schlösser in „Szenen meiner Ehe“ ergründen will, ist, was zwei Menschen in aller Verschiedenheit und ungeachtet aller Widersprüche, die ständig, fast täglich, zutage treten, aneinander bindet. Naturgemäß spielt der Titel von Schlössers Film auf Bergmans „Szenen einer Ehe“, einen Film über gegenseitigen Haß und wie er entsteht, an. „Szenen meiner Ehe“ ist gewissermaßen das Gegensatzpaar, die Geschichte einer unverwüstlichen Liebe. Und wenn Karin dem nachspürt, was war, und Lukas oft eine andere, konträre Erinnerung bemüht, entsteht durch dieses disparate Memorieren nicht selten ein Kurzroman in zwei Kapitel: Yin und Yang... Zwischen dem Bereden von Banalitäten und der Notwendigkeit, einen Gesprächscode zu entschlüsseln, liegen oft nur ein, zwei Sätze. Was Karin Schlösser gelassen, aber stets auf der Hut, ergründen will, ist, wie der Andere (Lukas), ebenso, wie sie selbst tickt – und, so möglich auch, warum. Dabei ist ihr, frei nach Brecht, „das Einfache, das schwer zu machen ist“ gelungen.

Wo kommen sie her, die WählerInnen der FPÖ und was treibt sie an? Dieser Frage ist Ulli Gladik in „Inland“ nachgegangen und schon der Titel ihres Filmes hat mit ihren ProtagonistInnen zu tun. Denn alles, was von „draußen“ ins Land gekommen ist, und damit meinen die drei Befragten keineswegs nur Flüchtlinge, sondern auch türkisch- oder serbischstämmige ÖsterreicherInnen, die eben nicht „autochton“ sind, wird von ihnen kategorisch abgelehnt, Erkenntnisgewinn konnte man sich von einer Unternehmung wie dieser ohnehin nicht erwarten, aber die vollständige Resistenz gegenüber Argumenten, die dem wirren Weltbild der Porträtierten widersprechen, ist doch erstaunlich. Beim jüngsten der drei, dem arbeitslosen Alex, einem Sozialhilfeempfänger, dem die von ihm verachtete „rote“ Stadt ein Quartier verschafft hat, in dem er kostenlos wohnt, ist ohnedies „Hopfen und Malz verloren“. Auf Gladiks Frage, ob es nicht besser wäre, es ginge allen, den Flüchtlingen und ihm, besser, antwortet er, eine Ausgrenzung von Asylwerbenden sei ihm da, ungeachtet seiner Lage, schon lieber... Die beiden Älteren, die Kellnerin Gitti und der Gemeindebedienstete Christian, haben früher anders gewählt. Wenn Gladik Gitti darauf hinweist, dass Schwarz-Blau 2 die Interessen derer, die nicht ihre Interessen sein können, unterstützt und auf das paradiesische Steuer-Leben der Reichen verweist, meint Gitti, da kenne sie sich nicht aus (bei denen, die auf den Straßen „herumlungern“ und nicht „von hier“ sind, aber schon). Der unangenehmste Fall ist der Magistratsbeamte Christian, ein ehemaliger SPÖ-Funktionär. Obwohl er selbst einmal einst als „Ziegelböhm“ ein Zuwanderer war und als Kind benachteiligt wurde, findet er für seine türkischstämmigen KollegInnen kein gutes Wort. Dabei geht er regelmäßig zum türkischen Friseur, der sei ja viel billiger und zudem besser als die „einheimischen“ HaarschneiderInnen... Wiewohl bei allen Dreien nach dem ersten Halbjahr „ihrer“ Regierung Anzeichen von Ernüchterung spürbar werden, bleiben sie doch bei ihrer Passion... Wenn „Inland“ also - erwartungsgemäß – keine neuen Erkenntnisse befördert, ist Gladiks Film doch tauglich als Lehrfilm, für jene rechten SPÖ-Funktionäre, die davon faseln, man könnte die einstigen WählerInnen wieder „zurückholen“ von dort, wo sie gelandet sind: ganz rechts. 

Ein Höhepunkt der diesjährigen Diagonale war die filmische Besichtigung einer bedrohten Spezies „Gehört, Gesehen – Ein Radiofilm“ von Jakob Brossmann und David Paede. Zwei Jahre lang waren die Filmemacher mit dabei, wenn auf Ö1, dem Radiosender, der sich ebenso ohne Einschränkung öffentlich-rechtlich wie vielfältig nennen darf, Programm gemacht, über Programmlinien diskutiert und wiederholte finanzielle Einschränkungen verarbeitet werden mussten. Unverwechselbar bleiben, aber dabei alles hinterfragen. Nicht im Glashaus sitzen, aber das Erreichte verteidigen und - Argumente dafür finden. Das ist work in progress, vor allem ist aber der Spaß an der Arbeit jederzeit spürbar, an einem besonderen und unverwechselbaren Arbeitsplatz – dem Funkhaus in der Argentinierstrasse, das jetzt verkauft wird... 

„Gehört, Gesehen – Ein Radiofilm“ ist weder ein Auftrags- noch ein Werbefilm, er zeigt vielmehr, einem Kaleidoskop gleich, die Vielfalt eines pulsierenden (Kultur-)Senders und wie dieser mit seinem Publikum – abseits der Quotenüberlegungen – interagiert. Und er kommt – im wahrsten Sinne des Wortes - zur rechten Zeit in die Kinos. Siehe: bedrohte Spezies...