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Den eigenen Augen und Ohren trauen

Im Rahmen der – Hans Hurch gewidmeten und großteils noch von ihm verantworteten – Viennale 2017 wurde ein Buch des Falter-Verlages präsentiert, welches mittels ausgewählten Texten an den Filmkritiker Hans Hurch erinnert. Die Rezension von „Vom Widerschein des Kinos“ geht davon aus, dass die (kuratorischen) Festlegungen des (Viennale-)Gestalters Hurch über zwei Jahrzehnte hinweg in dessen Überzeugungen als Filmkritiker in annähernd eineinhalb Jahrzehnten wurzeln.

17.01.2018

Zu: Philipp/Reder/Thurnher (Hg.):

Hans Hurch: Vom Widerschein des Kinos

Texte aus dem FALTER 1978-1991

(auch Viennale/2)

 

Im Rahmen der – Hans Hurch gewidmeten und großteils noch von ihm verantworteten – Viennale 2017 wurde ein Buch des Falter-Verlages präsentiert, welches mittels ausgewählten Texten an den Filmkritiker Hans Hurch erinnert.

Die Rezension von „Vom Widerschein des Kinos“ geht davon aus, dass die (kuratorischen) Festlegungen des (Viennale-)Gestalters Hurch über zwei Jahrzehnte hinweg in dessen Überzeugungen als Filmkritiker in annähernd eineinhalb Jahrzehnten wurzeln.

Der österreichische Filmemacher Robert Dornhelm hat eben mit seinem Fernseh-Zweiteiler „Maria Theresia“ einen beachtlichen Quotenerfolg erzielt. Zeit für einen Querpass zu einem Verriss seines Films „Requiem für Dominic“ (1990) durch Hans Hurch… Dornhelm schildert darin das tragische Schicksal eines Jugendfreundes aus Temesvar, welcher, zu Unrecht des Agententums (für die Securitate) und des vielfachen Mordes beschuldigt, während des Aufstandes in Rumänien (1989) angeschossen wird und in der Folge seinen Verletzungen erliegt. Dornhelms Versuch der Rehabilitierung seines (wie sich herausstellt, verleumdeten) Freundes erfolgt in Form eines Doku-Dramas, er vermischt reale Vorgänge mit einer fiktiven Handlung, in welcher der Schriftsteller Felix Mitterer als (hineingeschriebener) Freund von Dornhelms Freund der „wahren“ Geschichte nachspürt: “Das erste Bild hatte reglose, geschminkte Statisten gezeigt, die zu Mitterers Füßen arrangiert waren. Das zweite, der Gang durch den Raum, ist eine Dokumentaraufnahme von Opfern der Aufstände, (…) Der Schnitt zwischen den Bildern schafft eine Verbindung, einen erzählerischen Übergang, er benützt die filmische Rhetorik, um eine Kontinuität herzustellen, eine Verbindung zwischen den „toten“ Komparsen und den tatsächlichen Leichen der Ermordeten. Der Schnitt verschweißt die Bilder und sagt: Das ist EINES. Er behandelt die Opfer der Aufstände als Schaumaterial, als Requisiten, als eine andere Form der Komparserie.“ (Der verratene Freund; Falter 42/1990 – Hurch/Vom Widerschein…/S.220)

Da ist er wieder, der vorgebliche „Feind“ des „Österreichischen Films“, der sich im konkreten Fall gegen eine Form der billigen Täuschung wendet, die letztlich „reine politische, moralische und ästhetische Pornografie“ sei. Aber so, wie Hurch von diesem zum Zeitpunkt seiner Entstehung viel (und meist positiv) besprochenen Film Dornhelms angewidert ist, verteidigt er den erstmals im Rahmen der „Österreichischen Filmtage“ in Kapfenberg 1980 gezeigten Film „Kommen und Gehn“ von Wolfram Paulus gegen Unverständnis und Ablehnung: „Manchmal sehen wir im Film etwas, wofür es keine Erklärungen gibt. (…) Es geschieht etwas, und zugleich bleibt es uns verborgen. Es hat im Ganzen des Films keinen Sinn, aber etwas von dem Geheimnis, von dem Susan Sontag spricht." (Die Ernsthaftigkeit der Bilder; Falter 23/1980 – Hurch/Vom Widerschein…/S.67-68)

Hurchs Kritiken haben nichts mit der fragwürdigen „Kunst“ des Hochjubelns und Niedermachens zu tun, sie verhandeln vielmehr das Verhältnis zwischen Inhalt und Form und erinnern bei Gelegenheit auch daran, weshalb es notwendig ist, statt „politische Filme zu machen Filme politisch zu machen“. (Godard)

Lange, bevor österreichische Filme begannen (zu Recht) auf internationalen Festivals zu reüssieren (um in der Folge auch immer wieder durchaus in den Programmen des Festival-Direktors Hurch gezeigt zu werden), besteht der Filmkritiker Hurch trotz vieler Verweise Wohlmeinender, welch zartes Pflänzchen der eben erst aufblühende österreichische Film doch sei, kategorisch auf den Unterschied zwischen Sein und Schein. Fritz Lehners Schubert-Film „Notturno“ war zu seiner Entstehungszeit ein vielfach bejubelter „Künstler“-Film. Hurch entdeckt anderes: “Auf die Arbeit des Künstlers am musikalischen Material und an der Form antwortet der Film mit der Abwesenheit jeder eigenständigen Stilistik, mit einer Suppe von Großaufnahmen, Gegenlicht, Weichzeichner und Diffusionsfilter. Aber inzwischen ist es im Kino so weit gekommen, dass die Leute diesen Mangel an Formwillen und handwerklichem Können für eine persönliche Note und künstlerische Manier halten…“ (Kennen Sie Den?; Falter 40/1988-Hurch/Vom Widerschein…/S.175).

Im selben Jahr verweist Hurch auf die Arbeiten eines Filmkünstlers, der hierorts erst viel später zu einer Ikone des Avantgarde-Films erklärt wird: „ ‚Ein neues Bild ist entstanden’, sagt Birgit Hein, das vorher nicht vorhanden war und nur durch den filmischen Aufnahmeprozess hervorgehoben werden konnte.' Ein Bild, so spannend aufzunehmen wie schwer zu beschreiben. Sein Wesen ist ein genuin filmisches , jeder außerbildliche Inhalt ist ihm fremd.“ (Motion Pictures – Anmerkungen zum Werk des Filmemachers Kurt Kren; Falter 16/1988 - Hurch/Vom Widerschein…/S.172)

Es geht Hurch um das Auseinanderhalten von Spreu und Weizen: “Wer allen alles traut, dem kann man wenig trauen.“(Lessing/Sinngedichte – „An den Ämil“)

Die Relationen (wieder-)herzustellen, darum ist es Hurch als Kritiker auch außerhalb seiner (gelegentlichen… ) Beschäftigung mit dem „Österreichischen Film“ zu tun: „Sieht man heute den Film ‚Le Mepris’, so ist man erstaunt, welch radikale Arbeit noch vor zwanzig Jahren innerhalb des Systems in dieser Größenordnung möglich und durchsetzbar war. Verglichen mit den großen Filmen, die Regisseure wie Bertolucci, Coppola, Herzog oder Wenders in den letzten Jahren realisiert haben, ist Godards Film noch heute von radikaler Modernität.“ schreibt Hurch anlässlich der Wiener Wiederaufführung von „Le Mepris“ im „Filmhaus Stöbergasse“. (Streichquartett in Cinemascope; Falter 3/1989 – Hurch/Im Widerschein…/S.187)

Erinnern - wer das Gegenwärtige behauptet, muss um das Vergangene wissen, im historischen wie im filmischen Kontext:“Mag sein, dass alle Geschichte, von der Asche des Vergessens bedeckt, uns heute wie ein Verlorenes erscheint, im Augenblick des menschlichen Eingedenkens wird aber alles Geschaute zur Verheißung jenes Glücks, an dem sich alles erneuert. Und Nichts wird vergessen sein und Niemand.“ (Augen, Blicke – Zu Chris Markers Film „Sans Soleil“; Falter 8/1984 - Hurch/Im Widerschein…/S.114)

„Vom Widerschein des Kinos“ enthält auch Gespräche, die Hurch etwa mit Jean Eustache, Huillet/Straub, Harun Farocki, Michel Piccoli oder Peter Kubelka führte. Die Auswahl der GesprächspartnerInnen bezeichnet die filmische Landkarte des Hurchschen Interesses, die Gesprächsführung, wie sehr er dem Oberflächlichen abhold ist.

Im Zentrum von „Im Widerschein des Kinos“ (Falter Verlag, 2017) steht jedoch der Filmkritiker Hans Hurch, der seine Auseinandersetzung mit dem Film 1981 so beschreibt: “Schreiben über den Film als Versuch einer Annäherung. Was bleibt, ist die Aufforderung, den eigenen Augen und Ohren zu trauen.“ (Vom Widerschein des Kinos, S.84)

 

Kurt Hofmann