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Pingpong der Kreativität

Kurt Hofmann

Zur Diagonale 2026 in Graz

27.03.2026

Einmal mehr bot das Festival des österreichischen Films den Cinephilen ein vielfältiges und spannendes Programm. Ab der nächsten Saison ist mit Einsparungen durch die Förderer zu rechnen, trotz aller Lippenbekenntnisse ist der Stellenwert der Kultur längst nicht so hoch wie in Sonntagsreden beschworen. Bloß an den „richtigen Stellen“ sparen - bei manchen Sozialausgaben und vor allem bei den Asylwerbenden hat es schon angefangen und in Landesregierungen mit FPÖ-Beteiligung stehen viele kleine Kulturinitiativen schon jetzt vor dem Aus. Der Bund zögert in Sachen Kürzungen in manchen Bereichen (noch), macht vage Versprechungen in Sachen Alternativen, aber auch die Diagonale muss sich wohl auf kalte Zeiten vorbereiten...

Das Arbeitsamt heißt schon lange Arbeitsmarktservice, aus den Arbeitslosen sind „Kund*innen“ geworden, aber mehr Jobs gibt es deswegen nicht, allenfalls mehr sinnlose Kurse oder Strafmaßnahmen. Und der respektvolle Umgang mit den „Kund*innen“ findet auch nur im Semantischen statt... Hier setzt „AMS – Arbeit Muss Sein“ von Sebastian Brauneis an. Marie ist 58 Jahre alt und deshalb ein hoffnungsloser Fall. Aber sie hat, wovon ihre Betreuerin am AMS nichts ahnt, subversive Gedanken, wie sie dieser die täglichen Demütigungen heimzahlen kann... Junge, Alte, Arbeitswillige und (hauptsächlich) Demoralisierte sitzen gemeinsam mit Marie in einem Kurs, der sie sichtlich nicht weiterbringen wird. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, wie sie sich wehren und ein kreatives Chaos stiften können...
„AMS – Arbeit Muss Sein“ ist eine Komödie, satirische Überhöhung deren Mittel. Da sind zum einen die vom AMS. Wer mehr Arbeitssuchende sperrt, kommt im internen Ranking voran. Ein Leitungsposten soll neu besetzt werden, jede/r belauert den/die Andere/n, Intrigen werden gesponnen...
Hier setzen Marie und die Ihren an, wollen die Konkurrent*innen mit vielen Tricks noch mehr auseinanderbringen...
Die realistische Ebene wird in „AMS – Arbeit Muss Sein“ bald ausgehebelt, was sonst im Subtext verborgen bleibt, wird hier zur Sprache gebracht, jede/r sagt die brutale Wahrheit, doch der Sager wird, bisweilen gesungen, rasch zum Gag, zur „Wuchtel“. „AMS – Arbeit Muss Sein“ ist zunächst als (durchaus bissige) Satire, über Hochmut und den darauf folgenden Fall, über Ausgrenzung und die Kunst des wirksamen Fouls durch die Ausgegrenzten angelegt, mit Slapstick und Gesang, samt diversen „Extras“, endet dann aber doch als ironisches Märchen, welches folgerichtig wie alle Märchen in einen (leidlich) guten, doch augenzwinkernden Schluss mündet...
Immerhin: Stefan Brauneis hat sich mit „AMS – Arbeit Muss Sein“ an einem gesellschaftspolitisch wichtigen Thema versucht, welches Witz, Verve und ein sicheres Gefühl für Timing vorweisen kann. Dies alles: bisweilen zu harmlos, doch im Ansatz treffend.

Der Soldat kommt aus dem (Dreißigjährigen) Krieg zurück, eine Narbe, verursacht durch eine feindliche Kugel, verunziert dessen Gesicht. Er sei der Erbe eines Gutshofes, erzählt er den (protestantischen) Dörfler*innen, die ihn misstrauisch beäugen. Aber er hat Geld, will den Hof ausbauen und erzählt ihnen, was sie hören wollen. Frauen haben im Dorf auf ihrem Platz zu bleiben, den ihnen ihr Mann, ihr Herr, zugewiesen hat. Niemand ahnt, dass der martialische neue Gutsbesitzer eine Frau in Männerkleidung namens Rose ist... Rose baut langsam, aber stetig ihre Stellung im Dorf aus. Schließlich zwingt ihr ein Nachbar dessen Tochter als Frau auf, denn ledig darf der Mann hier nicht sein und Kinder braucht er auch. Bald schon ist die Gattin schwanger, kein Wunder, sondern Zeichen der neuen Freiheit... Jede der Frauen, die nun ihre eigenen Regeln wider die „ewigen Gesetze“ des Dorfes aufgestellt haben, bewahrt in der Ehe das Geheimnis der anderen, bis sie durch eine Magd denunziert werden und sich der grausamen Realität stellen müssen... Markus Schleinzers „Rose“, erstmals bei der Berlinale mit großem Erfolg vorgestellt, erzählt historisierend über die Rolle der Frau in patriarchalischen Verhältnissen, und dass es nicht genügt, gleichwertig zu sein, wenn Anpassung und Unterwürfigkeit verlangt werden. Fahle Bilder der Unausweichlichkeit, doch versehen mit der Gewissheit, dass auf Rose (verkörpert durch eine großartige Sandra Hüller) andere folgen werden...

Drei geschlechterfluide Komödien aus den 1930er-Jahren wurden diesmal für die historische Reihe der Diagonale von Synema ausgewählt und in Referaten analysiert.
Sowohl in „Peter, das Mädchen von der Tankstelle“ (AT/HU 1934; Regie: Hermann Kosterlitz) als auch in „Der Page vom Dalmasse-Hotel“ (DE 1933; Regie: Victor Janson) als auch in Reinhard Schünzels Meisterwerk „Viktor und Viktoria“ (das unschlagbare Original...; DE 1933) geht es um arbeitslose junge Frauen, die keinen Job finden und sich deshalb als Mann verkleiden. Camouflage in Hosen, Fragen der Geschlechtsidentität, pointiert vorgetragen. Auch wenn die Frauen in ihren neuen Rollen „ihren Mann stellen“, die Männer dabei stets übertreffend, sieht das „Happy End“ in allen drei Filmen am Filmende für die „verkleideten“ Protagonistinnen die Begegnung mit dem „Richtigen“ vor, mit dem sie endlich wieder auf der „richtigen“ Seite sind – Ordnung muss sein...

Masha will Model werden. In der Modelschule in Weißrussland, die sie besucht, ist sie der Star. Viele ihrer Mitstudierenden hassen sie deswegen und schicken ihr anonyme Botschaften. Aber Masha sieht halt auch so aus, wie Zeitschriften Models anpreisen: blond, schlank, eine fahle, blasse Haut – ein ätherisches Wesen... Und Masha tut alles, um den Anforderungen zu genügen: sie will perfekt sein. Dafür nimmt sie auch private „Sonderwünsche“ der Agenturchefin in Kauf und steht dann eben in der „pole position“... Aber Perfektion hat ihren Preis: Masha bezahlt ihn mit Depressionen, die immer wieder ein Aussetzen nötig machen.
Ist beides möglich: erfolgreich und auch zufrieden zu sein? Masha trifft bei ihrer Suche nach einer Antwort auf Misha, der als Leichenbeschauer arbeitet, auf engstem Raum mit seiner Mutter wohnt und heimlich Bilder verstörender Gewalt anfertigt. Nichts an Misha „passt“ zu Masha, schon gar nicht sein unperfektes, chaotisches Leben. Trotzdem oder – gerade deshalb – interessiert sie sich für ihn...
„White Snail“ (Österreich/Deutschland 2025), ist der erste Spielfilm des österreichisch-deutschen Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter.
Anspruch auf Perfektion: den konnte nicht nur das Model Masha im Film erheben, auch Kremser/Peter waren in Licht, Kadrierung, Schnitt, Ton... auffällig um Perfektion bemüht. Trotzdem ist es kein steriler Film geworden, vielmehr einer, der Menschen in ihren Widersprüchen und Verzweiflungen zeigt. Und: leise, vorsichtig, im Rahmen eines Telefonats, das Masha mit ihrem Vater führt und von diesem gemahnt wird, ja kein falsches Wort zu sagen, wird doch auch die politische Situation in Weißrussland angesprochen…
„Ich möchte lieber nicht!“: dieser zentrale Satz aus Hermann Melvilles „Bartleby der Schreiber“ ist auch der Leitfaden für Angela Summereders Überlegungen zu Melvilles legendärer Erzählung. „B wie Bartleby“ (Österreich 2025), ist, so klug war Summereder, eben kein Spielfilm-Projekt, vielmehr ein essayistisches Konstrukt, welches sich Bartleby von verschiedenen Seiten her annähert. Da ist zum einen die Einlösung eines Versprechens an Summereders verstorbenen Lebensgefährten Benedikt Zulauf und dessen, in Audio-Protokollen festgehaltenen Vorstellungen einer möglichen Verfilmung, und, wie das immer wieder an dessen Zweifeln scheitert. Da ist zum anderen – ein sidekick, aber dennoch bedeutsam, der Verweis auf Straub/Huillet, in deren „Geschichtsunterricht“ Zulauf eine Hauptrolle spielte. Da ist ebenso Summereders Interesse für all diejenigen, denen Bartlebys Satz etwas bedeuten könnte: Schüler*innen, Obdachlose... Und da ist eine Gruppe, die den Text durcharbeitet: Satz für Satz, auf jede Nuance achtend... Angela Summereders „B wie Bartleby“ behauptet nichts, sondern wägt ab und orientiert sich dort, wo sie nicht weiterkommt, doch sinnvoller Weise an Bartlebys berühmter Wendung: „Ich möchte lieber nicht!...
B wie Bartleby erhielt den Großen Diagonale-Preis 2026.
Maria sucht Mitbewerber*innen für ihr Bude in Brooklyn. 47 Dollar pro Nacht, das ist für New Yorker Verhältnisse sehr günstig, doch das Angebot hat mehr als einen Haken – für beide Seiten. Zum einen ist es – trotz des Preises – nicht prickelnd, wenn es in die Küche regnet und die räumlichen Verhältnisse mit beengt geradezu euphorisch beschrieben wären...
Zum anderen trifft Maria, wiewohl sie versucht, die Bewerber*innen zu „testen“, geradezu auf eine Auswahl seltsamer Gestalten mit skurrilen Angewohnheiten...
Basierend auf eigenen Erfahrungen, ist Maria Petschnig mit „Beautiful and Neat Room“ eine höchst unterhaltsame independent comedy gelungen – her mit einem Kinoeinsatz für diesen Film!

PRINZpod: Dieser Name bezeichnet ein Paar in der Kunst und im Leben, das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Da signiert sie ein Werk von ihm und er ein ihriges: sie sind Komplizen und lassen sich nicht auseinanderdividieren. Ist das konfliktfrei?: im Gegenteil! Der Widerspruch ist notwendig für das Gelingen. Wie sie da an Bildern, an Installationen arbeiten, ohne Kompromisse, doch auf unausgesprochenen gegenseitigen Verstehen, das mittels Stichworten, in Blicken, sichtbar wird, vertrauend, darauf beruht die in vier Jahrzehnten geformte Komplizenschaft von Brigitte Pinzgau und Wolfgang Podgorschek.
Gesellschaftspolitisches Engagement sowie die Fähigkeit, etwas zu „entzaubern“ und in eine Pointe zu verwandeln, ein stetiges Pingpong der Kreativität im Wissen um den/die Andere: All dies gelingt es Ebba Sinzinger in „Die Kunstkomplizen“ (AT 2026) „einzufangen“, im Hintergrund bleibend, doch genau beobachtend. Ein bemerkenswertes Künstler*innenporträt über zwei, die relevant sind, ohne das von sich zu behaupten. Eben dies kann man über Ebba Sinzingers „Die Kunstkomplizen“ sagen: er ist relevant und – war ein Höhepunkt der Diagonale 2026.