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Draußen und drinnen

Kurt Hofmann

Zu Crossing Europe 2026

07.05.2026

Das Festival „Crossing Europe“ erfreute auch in der Ausgabe 2026 durch Vielfalt, ästhetischen Anspruch und politische Wachheit.
Alles muss sauber werden, die Kund*innen und der stets drängelnde Chef sollen zufrieden sein: Heike ist als Objektleiterin einer Gebäudereinigung unentwegt Druck ausgesetzt, den sie an die da unter ihr weitergibt. Schneller, genauer, reiner soll deren Arbeit sein. Der Ton ist laut und unnachgiebig. Heike ist für ihre Brigade die höchste Autorität. Sie scheint allgegenwärtig zu sein, ständig ist eine Leerstelle zu füllen, nur sie selbst ist da, um das zu kontrollieren und zu bemängeln. Eine Geburtstagsfeier für eine Kolleg*in: verschwendete wertvolle Zeit! Ein „von außen angezettelter“ Streik: ja nicht mitmachen, Kolleg*innen, das ist schädlich und wir müssen fertig werden... ! Solidarität ist für Heike ein unbekanntes Wort, sie weiß, dass auch ihr Job ständig in Gefahr ist, der Boss ist allzeit unzufrieden, Kund*innen, die sie betreuen muss, brüllen ihr per Telefon ins Ohr, und neunundfünfzig ist kein gutes Alter, um gefeuert zu werden und dann wieder neu anfangen zu können.
Es ist nicht Heikes Schuld, dass sie von Solidarität nichts weiß: Hier, im Prekariat, wo nach oben kein Weg führt, aber nach unten gleich mehrere, zeigt sich keine gewerkschaftlich organisierte Unterstützung, hier gilt das von Oben nach Unten und die unausgesetzte Präsenz von Druck und Überwachung. Da ist auch noch ein Subunternehmen, das sich durch die Rechtlosigkeit ihrer durchwegs migrantischen Mitarbeiter*innen definiert und als kostensparendes Element dem obersten Gebäudereiniger unentbehrlich scheint. Als Heike einem von diesen Untersten eine offizielle Arbeitsbewilligung verschaffen will, ist der Teufel los...
Von Tag zu Tag scheint der Druck zu steigen. Irgendwann hat auch Heike genug. Aber wie geht es für sie weiter?

„Ich verstehe ihren Unmut“ (DE 2026; Regie: Kilian Armado Friedrich; Arbeitswelten) ist ein Spielfilm, der wirkt wie eine Doku. Im Kino über den Alltag im Prekariat zu erfahren, die Arbeitsbedingungen in der besten aller Welten, ungestört durch rechtliche „Hindernisse“: das ist selten. Der gesamte Cast, inklusive der Hauptdarstellerin Sabine Thalau, hat Erfahrungen im Reinigungsgewerbe gesammelt. Derlei Nachweis mag zur Intensität des Gezeigten beigetragen haben, vor allem aber ist „Ich verstehe ihren Unmut“ ein Blick auf den kapitalistischen Alltag abseits medialer Wahrnehmung.

Kurz nachdem Rita ihre Arbeit verloren hat, verliert sie auch ihre Freiheit. Auf dem Heimweg entführt, findet sie sich in einer Wohnung wieder, um von ihrem Kidnapper zu erfahren, dass sie dessen Schwester Szilvi und damit Teil der vor Ort residierenden Familie Arpad sei. Sie bekommt als Nachhilfe „ihre“ Tagebucheintragungen zu lesen, muss lernen, wie sie sich in einem seltsamen, vom alles beherrschenden „Vater“ organisierten Clan einzufügen hat. Draußen, so wird den Familienmitgliedern eingetrichtert, herrschen Unsicherheit, Not und Kriminalität, nur die heimischen vier Wände und die Anpassung an die Familienregeln böten Schutz vor der bösen Welt... Ein Spiel mit verteilten Rollen: alle „Familienmitglieder“ teilen Ritas Schicksal, doch sie vertrauen dem „Papa“, dass das „Draußen“ Gefahr für sie bedeutet...
„It Erzem Magam Otthon“ (Feels like home; HU 2025; Regie: Gabor Holtai; Nachtsicht), ist ebenso eine Parabel über Anpassung wie eine bittere Satire über die Orban-Ära in Ungarn. „Feels like home“ prunkt mit vielen überraschenden Wendungen sowie einer brillianten Schlusspointe und war der Höhepunkt des diesjährigen Festivals.

Ilona lebt in Vilnius und hat eben mit ihrem Freund eine Wohnung in einem Plattenbau bezogen. Dessen Renovierung bedeutet Ärger durch Lärm und Beobachtung von Außen. Ilona ist verunsichert durch diese Störungen, die sie im Homeoffice in ihrer Tätigkeit als Übersetzerin erleidet, doch die größere Verunsicherung ist ihr herannahender dreißigster Geburtstag und ihre Unzufriedenheit mit ihrem Beziehungsstatus. Ein Arbeiter, der vor ihrem Fenster auf dem Gerüst hantiert, wird von ihr hereingebeten und fortan zum Teil ihres Alltags... Ein Heiratsantrag ihres Freundes Matas, der sich zwischenzeitlich zu paramilitärischen Übungen angesichts des Ukraine-Krieges gemeldet hat, kommt ebenso zur Unzeit wie der Besuch ihrer sie stets kritisierenden Mutter. Das Gerüst vor ihrem Fenster, ein sichtbares Provisorium, gleicht ihrer ungeklärten Situation nahe einer zu hinterfragenden Altersgrenze. Weiter im alten Trott oder völlig neu anfangen: So einfach ist dieses Problem für Ilona nicht zu lösen...
„Renhovacija“ (Renovation; Litauen 2025; Regie: Gabriele Urbonaite; Competition Fiction) zeigt eine junge Frau, welche, angetrieben von einem für sie nicht definierbaren plötzlichen Unwohlsein, ihr Leben zu hinterfragen beginnt. Das Haus, in dem sie wohnt, dient dabei als Außenbild: etwas wird renoviert...

Kroatien, im frühen 20.Jahrhundert: Plötzlich taucht da eine auf, ganz in Schwarz gekleidet, und verlangt Zugang in eine abgeschlossene (Männer-)Gemeinschaft. Sie sei die Witwe eines nach Chile ausgewanderten Hirten, eines Bruders der abgeschieden Lebenden. Hier, in den Bergen, ist alles, was in den Tälern schon in Bewegung geraten sein mag, noch so, wie es seit ehedem war. Die Frauen sind auf ihren Platz verwiesen und folgen den männlichen Anordnungen. Doch Teresa, die Witwe, stammt aus dem fernen Chile, für die Hirten das andere Ende der Welt...
Die „Stumme“, auf welche Teresa als erstes trifft, haben die Hirten ausgestoßen und abseits ihres Lebensbereiches zu den niedrigsten Diensten verpflichtet. Diese junge Frau kann sprechen, doch hat sie sich wohl zu wenig angepasst und wurde deshalb von der Gemeinschaft zum Schweigen verdammt. Ihr vertraut Teresa und wird für die „Stumme“ der erste Mensch, dem sie vertrauen kann.
Zu den Hirten geführt, erkennen diese sofort, dass Teresa nicht bereit ist, die alten Regeln anzunehmen. Da ist eine, deren Präsenz sich nicht ignorieren lässt. Andererseits lockt das Erbe des in der Ferne verstorbenen Bruders. Wer die Witwe für sich gewinnen kann, gewinnt auch das vorerst brachliegende Land des Toten und dessen Haus.
Teresa spielt mit den Erwartungen der Hirten und rückt immer mehr ins Zentrum der Gemeinschaft. Auch die Frauen verfolgen mit Interesse, wie da eine die Verhältnisse durcheinanderbringt....
„Bog nece pomoci“ (God Will Not Help; Kroatien 2025; Regie: Hana Jusic; European Panorama Fiction) ist eine kroatische „Teorema“-Variante. Wie in Pasolinis Film ist da der (diesmal weibliche) Eindringling, der alles durcheinanderbringt, durch dessen Faszination das zuvor Wohlgeordnete ins Wanken gerät. Da werden Begehrlichkeiten unterschiedlicher Art geweckt und Spuren gelegt, die sich später als trügerisch erweisen...
Für diese Konstruktion braucht es eine starke Protagonistin, die Regisseurin Hana Jusic mit Manuela Martelli gefunden hat.
Wie da eine für Verwirrung und Chaos sorgt, weil sie das „So wie es war, soll es ewig bleiben“ nicht akzeptiert, das wird in „God Will Not Help“ historisierend gezeigt, doch bleibt die Lehre in diesem antipatriarchalischen filmischen Lehrstück aktuell.