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El Awadalla: Seawas, Grüssi, Salamaleikum

Kurt Hofmann

Des hat ka Goethe g'schriebn, des hat ka Schiller 'dicht: El Awadallas „Seawas, Grüssi, Salamaleikum“ widmet sich sprachlichen Fundstücken aus der Wiener U-Bahn.

21.12.2012

Es wird ihm ja vieles nachgesagt, aber wie sieht er aus, der Volksmund? Breit grinsend oder schmallippig räsonierend, hämisch verzogen oder still vor sich hinlächelnd? Auf jeden Fall entspringen ihm unerwartete, frappierende Aussagen, hierorts auch Wuchteln genannt. Das sind Rohdiamanten, die zu schleifen und in Pointenfassung zu bringen, ein lobenswertes Unterfangen ist.
 
Des hat ka Goethe g'schriebn, des hat ka Schiller 'dicht: El Awadallas „Seawas, Grüssi, Salamaleikum“ widmet sich sprachlichen Fundstücken aus der Wiener U-Bahn. Schon der Titel deutet auf eine polyglotte Gesellschaft hin, der wir da da im Untergrund, entlang der Stationen sowie der Auf- und Abgänge, begegnen, meist ist es aber eine Sprache, variieren d, mit deren Hilfe man sich verständigen könnte, würde nicht häufig der eine Teil der sich Unterhaltenden mit „gespaltener Zunge“ sprechen...
 
Wenn etwa zwei Frauen einen „Augustin“-Verkäufer beobachten, deren eine meint, es sei doch nicht in Ordnung, dass ein „Schwoaza“ die Obdachlosen-Zeitung verkaufe, und deren andere darauf erwidert, dies sei doch kein Ausschließungsgrund für ein Leben auf der Straße, worauf die erstere zurückmault, so möge der „Schwoaze“ doch „daheim obdachlos sein“, dann wird da die Probe zum Exempel und der Dialekt von El Awadalla „dialektisch“ aufgearbeitet.
 
Tief (genauer:diaf) und tiefgründig seien die Dialoge aus der U-Bahn, verspricht der Verlag im Untertitel, zweifellos zurecht, doch diese literarische found footage ist auch stets witzig und pointengenau, dabei bisweilen sogar in Bereiche des Absurden vorstoßend, wie in jener kurzen Szene mit einem alten Ehepaar, welches angesichts einer kaputten Rolltreppe die Stiege nimmt. Als der Mann, oben angelangt, stehen bleibt, und beginnt, in aller Ruhe die Zeitung zu lesen, eine Hand am Geländer, rügt ihn seine Frau und fragt, was er denn tue. Der aber antwortet seelenruhig:“ajo, des isjo goa ka roidrepm“ (S.45)...
 
Ein Stationen-Drama, quer durch Haltestellen der U1,U2,U3,U4 und U&. Ob die Geschichten für die zugewiesenen Orte prototypisch sind: diese Beurteilung sei dem Lesenden überlassen. Wie in einem Puzzle fügt die Sprachsammlerin El Awadalla Stück für Stück zusammen, ein Ganzes ist dennoch nicht zu erwarten... Verortet ist dies, abseits urbaner Gemeinsamkeiten mit anderen Großstädten, jedoch immer unverkennbar in Wien: am Schmäh sollt ihr sie erkennen...

El Awadalla
Seawas, Grüssi, Salamaleikum
Tiefe und tiefgründige Gespräche in der U-Bahn
Milena Verlag