die Linke

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home Artikel Kultur & Film Wer suchet, der findet
Adresse: https://dielinke.at/artikel/kultur-film/wer-suchet-der-findet-b

Wer suchet, der findet

Kurt Hofmann

Berlinale/1: Forum, Retro

20.02.2019

Während vielfach das letzte Jahr der Ära Kosslick diskutiert wurde, stand das Forum nach dem Abgang seines langjährigen Leiters Christian Terhechte bereits im  Zeichen  eines Neuanfangs. Das provisorische Leitungsteam Milena Gregor/Birgit Kohler/Stefanie Schulte Strathaus setzte dabei ebenso auf Kontinuität wie auf Zuschärfung, wie deren  Motto „Risiko statt Perfektion“ signalisierte.

Einige der gelungensten Produktionen der diesjährigen Auswahl waren dem (stets wichtigen) Wechselspiel zwischen  Geschichte und Gegenwart gewidmet.

Die diesjährige Retro "Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen" zeigte Arbeiten von Regisseurinnen der BRD wie der DDR, beginnend mit den späten 1960er Jahren.

Re-Enactment 1: Aliens

Neustadt in Sachsen: Hier werden in einem ehemaligen Wohnheim des Kombinats Fortschritt syrische Asylwerber untergebracht. Die einstige Fabrik ist jetzt eine Ruine: sie sieht  aus wie nach einem  Bombentreffer, weder  vom „Fortschritt“ noch von  der DDR ist viel übriggeblieben. Wer hier  lebte, befand sich im „Tal der Ahnungslosen“, denn Westfernsehen konnte in der „Sächsischen Schweiz“ nicht empfangen  werden. Da  war  keine andere Welt als jene der DDR.

Doch von alledem ahnen  die Syrer  nichts.  Bislang sind sich nicht nur freundlichen Deutschen begegnet, in Orten wie diesen lauert „Pegida“ gewissermaßen um die Ecke.

Nun begegnen sie, dank Regisseur Florian Kunert, einstigen BürgerInnen des  „anderen  Deutschland“, die im „Fortschritt“-Werk gearbeitet haben. Für die Dauer der  Dreharbeiten von  „Fortschritt im  Tal der Ahnungslosen“ eröffnet  Kunert, 1989 in Neustadt  geboren, das „Fortschritt“-Werk und  mit ihm  die DDR wieder.  In alten  Ruinen spukt  es bekanntermaßen und so formiert  sich – auf Kunerts Wunsch - ein angegrauter Chor, der  alte  FDJ-Hadern singt. Es  sind kitschige Visionen von der schönen  Heimat in  der noch schöneren Natur…

Die Aliens  sind gelandet: Da  kommen Deutsche, die einmal in einem  anderen  Deutschland  gelebt haben, von dem die Syrer nur aus der für sie vorgeschriebenen Gemeinschaftskunde, also aus der  Perspektive der Sieger, gehört haben, auf die Neuankömmlinge zu. Freilich: jene „Aliens“ sind nicht weggezogen, aber auch nicht mehr daheim.

Sie waren  in der DDR weder Opfer noch Apologeten. Aber hier in Neustadt, dem Tal der  Ahnungslosen, sind sie aufgewachsen, und haben jahraus, jahrein, im Werk,  dessen Name vom Fortschritt kündete, gearbeitet…

Eine  Versuchsanleitung: So zu tun, als wäre die Zeit  stehen  geblieben. Da können die Syrer  nicht mithalten, doch sie spielen in Kunerts Spiel mit. Lassen sich im Werk „anlernen“, hören  von einer anderen „Staatsbürgerkunde“ und erfahren mit Staunen von der „Völkerfreundschaft“, welche einst  Syrer zwecks Weiterbildung in die DDR und DDR-BürgerInnen, wie einen der hierorts Arbeitenden, der immer noch fließend Arabisch spricht, nach Syrien brachte…

So tun, als ob: Das ist in der xenophobischen Atmosphäre Sachsens nur im Film, einzig im Rahmen eines  Spieles um Heimat und  Verlust abseits der Sprache der  Hassenden möglich. Florian Kunert hat für „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ einstige DDR-BürgerInnen (die Pegida und dergleichen nur  Verachtung entgegen bringen) und Asylwerber zusammengebracht, an  einem Ort, welcher den einen länger-, den anderen kürzerfristig für ein  - jeweils unterschiedliches -  (Deutsch-)Land stand. Manches an Kunerts Experiment ist albern, anderes auch fragwürdig, etwa, wenn  er die jungen Syrer in NVA-Uniformen steckt und improvisieren  lässt. Was sie da  spielen, sind Szenarien  ihrer  Kindheit, es wirkt zwar, als wären sie Protagonisten eines DDR-Indianerfilms, doch ihre Spiele enden immer mit dem Tod…

Aber  im Zentrum  von  Kunerts  Film stehen die „Gespenster“ eines einstigen Lebens in der  Ruine, die eine feste Burg des „Fortschritts“ war. Re-Enactment nennt sich das Verfahren und hat mit  dem spielerischen Wieder-Einfühlen zu tun.

Etwas  sichtbar machen: Das ist Florian  Kunert „trotz alledem“ gelungen…

Re-Enactment 2: Erkenntnisse

Ivry-sur-Seine, Frankreich: Das  neue Projekt des Regisseurs Jean-Gabriel Périot beginnt mit einem Workshop im Rahmen des Filmkurses am  örtlichen Gymnasium.  Hier konfrontiert er die  SchülerInnen mit den  Themen, dem  Vokabular, den  Kämpfen und -  vor allem – den Filmen der „68-er“, mit den Hoffnungen und Anliegen einer Generation, die auf gesellschaftliche Veränderung setzte. Nach dieser Vorbereitung beginnen zwischen Mai und Juni 2018 die Dreharbeiten  zu „Nos défaites“ (Unsere Niederlagen/Frankreich 2019). Re-Enactment: Die SchülerInnen stellen Szenen aus (zwischen Ende der 1960-er und Ende  der 1970-er  Jahre entstandenen) Filmen über die Kämpfe und das Lebensgefühl der „68-er“ nach. Wie nahe ist ihnen (diese) Aufmüpfigkeit, welches Verhältnis entwickeln  sie zu den in Filmen von Godard, Marker, Tanner… widerspiegelten radikalen Forderungen? Was sie eben noch mit Emphase dargestellt hatten, erscheint den meisten in der Nachfrage durch Périot zwar sympathisch, doch nur „in Maßen“ nachvollziehbar.

Streik, Aufruhr, aber auch eine Unbedingtheit in den Beziehungen: manches  erscheint den SchülerInnen sinnvoll, vieles ist ihnen fremd. Revolution?  Die sei ja mit Gewalt verbunden. Aber, wirft  eine ein, „Teilen“ wäre  ein  Ziel… Noch einmal hakt Périot nach, hinterfragt die Begriffe. Dass  viele der Befragten mit „Klassenkampf“ nichts anfangen können, ist nicht verwunderlich, dass nur einer der SchülerInnen definieren kann, was eine Gewerkschaft ist, überrascht aber doch… Dezember 2018: Ein  ungeplanter zweiter Dreh. Mittlerweile hat die Bewegung der „Gelbwesten“ eine gesellschaftliche Konfrontation in Frankreich entfacht. Einige der SchülerInnen des Gymnasiums in Ivry-sur-Seine haben ein Transparent angebracht, in  dem sie sich mit den „Gelbwesten“ solidarisieren und werden suspendiert. Nun geschieht Erstaunliches: Die SchülerInnen blockieren die Schule und fordern die Rücknahme der Maßnahme. Noch einmal Einzelinterviews durch Jean-Gabriel Périot: Plötzlich sind die erst so fernen „68-er“ präsent, Widerstand wechselt vom  toten  Begriff zur realen Option, Veränderung scheint möglich. Doch der Film heißt „Nos défaites“  - Unsere Niederlagen. Ja, die „68-er“ haben ihre Ziele  nicht erreicht, aber ihre Ideen (und: ihre Filme) haben Wurzeln geschlagen, wie auch das Experiment der SchülerInnen mit der Filmklasse von Ivry-sur-Seine zeigt.

Ein Höhepunkt, nicht nur des Forums, sondern der Berlinale 2019 insgesamt, war „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ von Thomas Heise. 218 Minuten deutsche Geschichte anhand der Geschichte (s)einer Familie – über die Generationen hinweg. Anfang des  Zwanzigsten Jahrhunderts setzt die Erzählung mit (von Heise im Off gelesenen) Briefen ein, stets sind deren ProtagonistInnen auf der „falschen“, durch gesellschaftliche Repression sanktionierten Seite, schauen nicht weg und schweigen nicht. Wo eine Karriere war, folgt entsprechend deren Ende, wo Hoffnung war, Enttäuschung, aber nicht Stillhalten. Eine  (frühe) Spur der Familiengeschichte führt  auch nach Wien. Wie setzt man  zeitliche Distanz, „verwitterte Spuren“ ins Bild? Heise filmt während einer Straßenbahnfahrt von innen nach außen  - durch eine beschlagene Scheibe… Im  Schlussteil des Films ein Tondokument: Heises Vater, einst von den Nazis interniert, dann als Philosoph im „anderen“ Deutschland (der DDR), dem er vertraute, gescheitert, sitzt mit dem Dichter Heiner Müller zusammen und spricht mit ihm über Brecht. Letzterer zitiert aus einer Fassung des 1932 entstandenen „Fatzer“: „Von heute an und für eine lange Zeit wird es keine Sieger geben, sondern nur Besiegte.“ Dies wissend, hat sich Heises Familie im  Scheitern eingeübt, allerdings im Sinne von Brechts Antagonisten Beckett, dabei das „Wieder versuchen, besser scheitern.“ stets im Auge behaltend.

Im Fall von „Die Kinder der Toten“, entstanden als Auftragswerk des „Steirischen Herbstes“ nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek, darf nicht unerwähnt bleiben, wie dieses Projekt entstand. Die Off-Theater-Regisseure Kelly Copper uns Pavol Liska kannten vor Beginn der Dreharbeiten den Roman  nicht, der ihnen – Zug um Zug – von Claus Philipp, einem der Initiatoren des Projekts, erzählt wurde… In eben jenem steirischen  Ort, der Schauplatz des Geschehens ist, wurde die Bevölkerung überzeugt, die Rollen in einem Horrorfilm, der sich mit dem  Horror der österreichischen Geschichtsvergessenheit befasst, zu übernehmen. Und dies alles: als Stummfilm im  Super-8-Format… Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen: Wenn die Untoten im  Ort auftauchen und die Pension Alpenrose, ein Idyll österreichischer Heimatfilm-Seligkeit, in Unruhe versetzen, ist es  mit der seligen „Ruah“ aus und vorbei. „Auf einmal, völlig zwecklos, ist die Vergangenheit wieder da, unmöglich sie zu lieben.“ heißt es dazu bei Jelinek. (Die Kinder der Toten, rororo, S.15)

Das US-amerikanische Regieduo hat einen  Heimat-Splatter-Film gedreht, in dem  Zombies mit Palatschinken-Masken sogar auf (anders als im  Roman) „syrische Poeten“ treffen, die in einer geheimen Kuchl der Pension Alpenrose wohlriechende Speisen eines fremden Landes zubereiten – eine unerlaubte Verführung…

Wolfgang Mitterers schräge (Blasmusik-)Töne konterkarieren das Gedudel der ewigen Harmonie.

Copper/Liska entfachen einen österreichischen Totentanz, in dem die lebenden Toten auf die schon toten Lebenden treffen. Deren Erstlingsfilm „Die Kinder der Toten“ ist der Jelinek'schen Gedankenwelt näher, als es deren filmische Mittel vermuten ließen, und wurde daher zu Recht mit dem Fipresci-Preis der Filmkritik ausgezeichnet. Nicht zu übersehen war allerdings auch die anhaltende Aktualität von „Die Kinder der Toten“. Noch einmal Elfriede Jelinek: „Vielleicht ist es doch schon später, als wir geglaubt haben werden.“ (a.a.O., S. 120) 

Eben hat Susanne ihren monotonen Job gekündigt. Doch jetzt: Wie weiter? Abends hängt sie mit FreundInnen in ''ihrer'' Bar ab, trinkt einen und beklagt den Lauf der Welt. Allerdings: das Geld wird für die alleinerziehende Mutter immer knapper, die Miete und die Kita wollen bezahlt werden, das Kind hat Bedurfnisse und Susanne wird sich schon bald nicht einmal mehr die Getränke in "ihrem" Lokal leisten können, von ihren eigenen, ja stets vorhandenen, doch nicht realisierbaren Wünschen ganz abgesehen ... Da bringt sie eine aus der Bar auf die rettende Idee: sie meldet ihr Fahrrad als gestohlen und kassiert die Versicherungssumme. Von nun an scheint für Susanne plötzlich alles bergauf zu gehen, denn Thomas, ein Ingenieur, der eben zum Betriebsleiter aufgestiegen ist, hat ein Auge auf sie geworfen und verschafft ihr auch einen neuen Arbeitsplatz in seinem Betrieb. Susanne, stets misstrauisch, was die Absichten jener, die ihr näher kommen, betrifft, lässt sich schließlich davon überzeugen, mit ihrem Kind bei Thomas einzuziehen, doch eben dann, zur Unzeit, fliegt der Schwindel mit dem Fahrrad auf und die Polizei schaltet sich ein. Wird Thomas, der weiter aufsteigen will, zu ihr, der Absteigerin, halten?

Evelyn Schmidts ''Das Fahrrad''(DDR 1982) porträtiert eine ungelernte Arbeiterin mit  Verlustängsten. Immer erwartet sie, dass ihr eine/r in den Rücken fällt. Susanne ist keine"Heldin der Arbeit", sie ist nicht einmal eine Heldin des Alltags, vielmehr eine, die den Anderen meist auf die Nerven geht und gerne Streit anfängt… So eine taugt nicht als Identifikationsfigur und steht auch noch für die in der DDR gerne verschwiegene Tatsache, dass ein sozialer Abstieg für minder Qualifizierte selbst im "sozialistischen Deutschland" durchaus möglich war … Eine "unsympathische'' Hauptfigur, die für unangenehme Wahrheiten steht: all dies war für die DEFA Grund genug, "Das Fahrrad'' nach einem kurzen Kinoeinsatz in den Archiven verschwinden zu lassen