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Wenn der Wolf kommt

Kurt Hofmann

Locarno 2018

13.08.2018

Das war die letzte Saison von Carlo Chatrian als Direktor des Filmfestivals von Locarno, bevor dieser nach Berlin wechselt. Und abermals gab es kaum Anlass zur Klage. Von den Wettbewerbsfilmen fielen nur zwei (bezeichnenderweise – in der italienischen Schweiz – waren dies die „Heimspiele“, der italienische und der schweizerische Beitrag) aus der Reihe, sonst erreichte der Wettbewerb (ebenso: das Gros der Filme in den „Nebenreihen“) aber eine vergleichslose Dichte an Qualität. Die Latte für Chatrians NachfolgerIn ist hoch gelegt, die Vorfreude auf spannende Berlinale-Jahre unter Chatrians Leitung berechtigt.

Da kriecht etwas, deutlich ins Bild gerückt, und es gehört nicht zur ohnedies umfangreichen Menagerie der Familie Billingham: Es ist eine Kakerlake, tierisches Symbol der Verunreinigung einer Behausung. Wo die Billinghams wohnen und wie sie da leben, ist ein Kapitel für sich. Besuch kommt selten, doch wenn, ist es eine gezielte Einladung, um Essen, Getränke, im Idealfall auch Geld zu lukrieren... Der etwas unbedarfte Onkel wird zur Beaufsichtigung der Kinder in Abwesenheit des Elterpaares engagiert und von jenen prompt betrunken und in der Folge für einen Streich unter Anleitung des ältesten Sohnes verantwortlich gemacht. Liz, die Mama, der man besser nicht widerspricht, verprügelt den Onkel dafür mit einem ihrer Stöckelschuhe... Als das Jugendamt nach einer Überprüfung den Jüngsten mitnimmt, fragt der Zweitälteste: "Kann ich auch mit?"... Ray, der Vater, wird in zwei Lebensphasen gezeigt: als verantwortungsloser Vater in den seinen Vierzigern und als alter Mann - in beiden Phasen ist er Alkoholiker. In seinen späteren Jahren wird er von Vertrauten regelmäßig mit unscheinbaren Mehrliterflaschen beliefert, doch es ist keine Limonade, die Ray da erhält...

"Ray & Liz" (GB 2018; Regie: Richard Billingham; Concorso internazionale) ist der erste Langfilm des Fotographen Richard Billingham, die erste künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Eltern ist es keineswegs. Da ist nicht nur fotografisches Material, da sind auch Kurzfilme, welche die Eltern porträtieren. "Ray & Liz" ist weder moralinsauer noch denunziatorisch, besticht vielmehr durch "fotografische" Genauigkeit und Sarkasmus, während die monströsen Lebensumstände der Billinghams vorgeführt werden. Keine Anklage, kein Kommentar - es ist wie es ist, auch wenn keinesfalls übersehen werden darf, dass all dies während der Ära Thatcher passiert. Wir erfahren nicht, wie Ray und Liz so geworden sind, doch es ist zu erahnen, was ihren Abstieg beschleunigt hat...

Frank ist ein Mann der Tat, er lässt sich in seinem Vorgehen als Leitender Angestellter nicht beirren und hat stets alles im Griff. Als das zeitgerechte Eintreffen einer Fracht durch einen erkrankten blinden Passagier bedroht wird, trifft er eine folgenschwere Entscheidung "im Interesse der Firma", die ihn dennoch feuert, weniger aus (geheuchelter) Empörung denn aus der Gelegenheit, einen (allzu eigensinnigen) "Kostenfaktor" loszuwerden... In "Ceux qui travaillent" (Jene die arbeiten; CH/Belg. 2018; Regie: Antoine Russbach; Concorso cineasti des presente) sehen wir einen, der es nicht erträgt; plötzlich kein Entscheidungsträger mehr zu sein. Den potentiellen Schwiegersohn hat er noch arrogant belehrt, es gäbe nur zwei Sorten von Menschen, "Jene, die arbeiten" sowie die Anderen, Unwilligen, und nun das.

Vor der Familie verschweigt Frank seine Entlassung, fährt wie je morgens "zur Arbeit"...

Psychologische Betreuung durch das Arbeitsamt erträgt Frank ebenso wenig wie die Tatsache, als "Macher" nicht mehr gefragt zu sein, denn die Branche hat von den Umständen seines Rauswurfs erfahren... Als er sich der Familie gegenüber offenbart, erfährt er kein Verständnis. "Es ist dir hoffentlich klar, dass wir ein Anrecht auf unseren Lebensstandard haben?" bekommt Frank von seinem ältesten Sohn zu hören... Nur die jüngste Tochter Mathilde ahnt von alldem nichts. Ihr zuliebe will sich Frank ändern, bis er ein unmoralisches Jobangebot erhält... "Jene, die arbeiten" ist ein Lehrstück über ein Geschöpf des Kapitalismus. Frank funktioniert wie eine Maschine, Zweifel sind da nicht programmiert. Und Antoine Russbachs Film funktioniert dank eines formidablen Drehbuchs, vor allem aber durch Oliver Gourmet als Frank, ein anderer in dieser Rolle ist kaum vorstellbar.

Diane kümmert sich um ihre Freunde, besucht sie auch, wenn sie alt und siech geworden sind. Abends arbeitet sie in einer Suppenküche für Obdachlose. Und da ist noch ihr drogenabhängiger Sohn, der ihre Fürsorge nicht ertragen kann... Eines Tages ist er verschwunden und kehrt später als "geheilt" zurück - nun ist er Mitglied einer christlichen Sekte, willens, auch die Mutter zu "bekehren", aus der Aggressivität des Junkies ist eine bigotte Unbeirrbarkeit geworden - Diane fühlt sich vom Regen in die Traufe versetzt... Was "Diane" (USA 2018; Regie: Kent Jones; C. I.) ausmacht, ist dessen Erzählweise abseits der klassischen Narration. Anstelle einer fortschreitenden Erzählung eine "elliptische" Bestandsaufnahme im Stile des US-Independent-Kinos. Wie Diane, diese an alle/s, außer an sich selbst Denkende im unwirtlichen Westen von Massachusetts ihre Runden dreht, von ihren Schützlingen zu einer Bar und retour, wie Mary Kay Place, dabei bisweilen an Gina Rowlands gemahnend, daraus eine Figur formt, der man nicht müde wird, zuzusehen, das macht diesen, nicht auf "Entwicklung" setzenden, vielmehr insistierenden Film bemerkenswert.

Träumt ein Mädchen vor sich hin. Da kommt ein junger Prinz des Wegs... So beginnen Märchen und der Prinz im Märchen der heranwachsenden Waise Yara, die mit ihrer Großmutter in einem verlassenen Tal des Libanon lebt, heißt Elias und trägt den Namen eines Propheten. Der Wanderer, der erst nur um ein Glas Wasser fragt, wird zum täglichen Gast und von Yara schon frühmorgens sehnlichst erwartet... Aber die Idylle ist trügerisch und das Märchen eines mit Widerhaken. Nicht allein, dass Elias Yara eines Tages gesteht, seine Eltern würden planen, mit ihm nach Australien auszuwandern, was Yara ebenso weit entfernt scheint wie der Mond, ist ihr auch klar, dass sie hier nicht weg kann. Und ihr "Reich", das weitläufige, menschenleere Tal, ist nicht einmal die Enklave, in der sie sich ungehindert als junge Frau bewegen kann, denn kaum haben Männer aus den Nachbardörfern von Elias Besuchen Wind bekommen, wollen sie schon der "Moral" Genüge tun und Yara vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hätte... So lässt auch Abbas Fahdel in seinem Film "Yara" (Liban./Irak/F 2018; C. I.) keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Märchen mit gutem Ende, auf das Yara hofft, an der harten Realität des Landes, in dem sie lebt, zerschellen wird. 

Bei der Arbeit im Feld wird Sibel von den Anderen gemieden. Wäre sie nicht die Tochter des Dorfvorstehers und hätte der sie nicht zudem zu einer Jägerin ausgebildet, wer weiß, was eine Stumme hier erdulden müsste… Sibel ist fünfundzwanzig, stolz und ungebeugt. Was sie zu sagen hat, teilt sie den Anderen in der hier verbreiteten Pfeifsprache mit. Der Ort ist ein abgelegenes Bergdorf am Schwarzen Meer in der Türkei. Dort raunen die Frauen über einen Wolf, der in den Wäldern herumstreichen soll. Sibel will den Wolf erlegen. Nach der Arbeit präpariert sie Knochen, die das Tier anlocken sollen, gräbt eine Grube, legt sich mit ihrem Gewehr auf die Lauer. Doch statt des mysteriösen Wolfes findet sie eines Tages einen fremden Mann in der Falle. Er ist ein Deserteur und auf der Flucht. Sibel versteckt ihn und entdeckt, dass sie, die Ausgegrenzte, begehrt wird, verteidigt ihren „Wolf“, so lange es möglich ist… Doch die jüngere Schwester hat ihr nachspioniert und denunziert Sibel. Es beginnt eine Hatz auf den „Wolf“, an der sich alle außer Sibel beteiligen. Er sei, so sagt die Polizei, ein „Terrorist“. Ab jetzt ist nichts mehr für Sibel, wie es war…

Bis auf den Fernsehapparat in der Wohnung des Dorfvorstehers deutet – auf den ersten Blick - wenig in „Sibel“ (F/D/Lux/Türkei 2018; Regie: Guillaume Giovanetti/Cagla Zencirci; CI) auf einen gegenwärtigen Bezug hin. Das Dorf scheint abgeschnitten von der Welt und - der Zeit. Jedes Detail des alltäglichen Lebens ist ehern vorgezeichnet: so, wie es war, soll es auch bleiben. Da gilt eine wie Sibel, die unbeobachtet herumstreicht, erst das Dorf vom „Wolf“ befreien will und später zur Empörung der Anderen sogar sich selbst, als Abweichlerin und in der Folge als Störenfried…

Das Regieteam Zenzirci/Giovanetti hat für „Sibel“ gründlich recherchiert. Die Pfeifsprache existiert ebenso wie der Wolfsmythos, in abgelegenen Dörfern seit je eine eingeredete Gefahr, um „Grenzüberschreitungen“ zu vermeiden… 

Im Aus- und Abgrenzen, im Verfolgen, begleitet von aufgeregten Nachrichtensprecherinnen und den Warnungen des allgegenwärtigen Präsidenten im Fernsehen, ist „Sibel“ wieder in der Gegenwart angelangt. Eine Gemeinschaft, die nie hinterfragt, wie sie lebt, macht autoritäre Führer stark. Deshalb gilt auch eine wie Sibel, unangepasst und nicht schweigsam, wiewohl stumm, als nicht akzeptabel…

"La Flor" (Arg. 2018; Regie: Mariano Llinás, C. I.), eine dreizehnstündige Reise durch die Filmgenres, aufgeteilt in sechs Episoden, zu sehen in acht Teilen mit vier Schauspielerinnen, die in allen Geschichten im Zentrum der Erzählungen stehen, erweckte die größte Neugierde und war auch der Höhepunkt des diesjährigen Festivals. 

Er sei, sagt Mariano Llinás, für dieses Projekt von Jean-Luc Godards "Histoire(s) du cinéma" angeregt worden. La Flor" biete sich als fiktionale Variante an...

Da wird listig mit den Erwartungen des Publikums gespielt, verworrene Handlungen werden noch weiter zugespitzt, um plötzlich wieder abgebrochen zu werden ("Schlüsse werden überschätzt" bemerkt dazu Regisseur Llinás mit angemessener Ironie in einem Interview). Und wenn sich eine auflodernde Filmmusik zu immer größerer Dramatik aufschwingt, führt das erst recht in die Irre... 

Besonders sichtbar wird dies in der einzigen nicht genretypischen, selbstreflexiven Episode. Zwar dauern hier die Dreharbeiten für einen Film, den ein über allem schwebender, stets hypernervöser Regisseur (als Darsteller: naturgemäß Mariano Llanás!) zur Vollendung (im wahrsten Sinne des Wortes… ) bringen will, schon stolze sechs Jahre, doch die vier Hauptdarstellerinnen wissen immer noch nicht, ob sie oder die Bäume in einer abgelegenen Allee, welche ihr Regisseur alternativ zu den (stets geänderten) Szenarien und – obsessiv - filmt, im fertigen Film vorkommen werden… Je mehr Wind durch die Äste streicht, desto aufwallender wird die Musik…

„Suspense“, wo sie nicht hingehört. Wird eine Frage nicht beantwortet, taucht unversehens eine andere auf, um danach elegant das Thema zu wechseln…

Unübersehbar ist, wie kundig sich Llanás durch die Genres bewegt, ob nun B-Movie, Spionagefilm oder Musical. Und zugleich: wie ihn die Lust zur Decodierung, zur Dekonstruktion antreibt. Wen die Länge dieses ironischen Streifzuges durch die Genres stört, der/die ist im falschen Kino oder ohnedies falsch im Kino.

„La Flor“ führt das Publikum, augenzwinkernd, Haken schlagend, falsche Spuren legend, in das (Un-)Sinn stiftende Labyrinth der Kreativität und ist eine dreizehnstündige Liebeserklärung an das Kino.