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Im ersten Jahr

Kurt Hofmann

Zur Viennale 2018

18.10.2018

Die erste von Eva Sangiorgi verantwortete Viennale hat nichts von Grund auf verändert, es wird vielmehr nach der Ära Hurch (in gutem Sinne) auf Kontinuität gesetzt, ohne dabei eigenständige Akzentuierungen  zu vernachlässigen. Neben Filmen der „üblichen Verdächtigen“ wie Olivier Assayas, Claire Denis, Werner Herzog, Lars von Trier und Tsai Ming-liang wecken neue Filme von Jean-Luc Godard und Paul Schrader gewiß  Vorfreude bei Wiens Cinephilen, welche sich wohl auch die zahlreichen Neu- und Wiederentdeckungen nicht entgehen lassen werden.

Bei „In Focus“ wird der politische Poet Gürcan Keltek vorgestellt, es wird an den Filmemacher Jorge Acha erinnert, der Teil der „geheimen Geschichte des argentinischen Kinos“ ist. Roberto Minervini überschreitet in seinen  engagierten Arbeiten meist die Grenzen des Dokumentarischen (und ist somit ein „Zeuge“ für die seit heuer im Katalog fehlende Aufteilung in Spiel- und Dokumentarfilm…), so wie Jean-Francois Stevenin seine Erfahrungen als Darsteller bei Rivette und Truffaut für seine Arbeit als Regisseur  nützt… Das österreichische Filmmuseum wird mit seiner diesjährigen Retro „The B-Film“ eine 1A-Präsentation entdeckenswerter Genre-Filme liefern und ist erfreulicherweise neben  Gartenbau, Metro und Stadtkino im  Künstlerhaus nun auch zum Spielort für Filme des Hauptprogrammes geworden – eine hervorragende Idee der neuen Direktorin! Das Filmarchiv Austria zeigt schließlich heuer „Surviving Images“ und  folgt damit den Spuren jüdischer Lebenswelten im deutschsprachigen Stummfilm. 

Dies  alles (und vieles mehr) hat die Viennale 2018 zu bieten: eine ebenso vielfältige wie Interesse  weckende Auswahl.

Alle Infos zum Programm wie Kartenverkauf sind unter  www.viennale.at zu finden.

 

Eine unvollständige Vorausschau auf sehenswerte Filme im Hauptprogramm:

Ang Panahon Ng Halimaw (Season of the Devil)

Auf wahren Begebenheiten beruht „Ang Panahon Ng Halimaw“ (Season of the Devil; Philippinen 2018), der neue Film von Lav Diaz. Doch dieser ist weder ein Nacherzähler noch ein Verschweiger. Er habe, so erzählte er in einigen Interviews, „Season of the Devil“ als Musical gedreht, und gesungen werden in diesem Film über die Ära des Diktators Marcos nahezu alle Dialoge, häufig enden sie in einem gemeinsamen Chorus von Tätern und Opfern und dem geläufigsten Ausdruck von Banalität:“lalalala“… Das passt gut, war doch Ferdinand Marcos nicht nur ein blutiger Unterdrücker, sondern auch ein Schmierenkomödiant, der am Ende seiner „Ära“, als er die Philippinen verlassen musste, noch am Flughafen gemeinsam mit seiner raffgierigen Frau Imelda vor laufenden Kameras „ein kleines Chanson“ zum Abschied aus seinem Reich anstimmte… Schwarz-Weiß: das war nicht nur einmal mehr die (stilprägende ) Wahl von Lav Diaz für seinen Dreh, so war die Weltsicht des Despoten wie Marcos, der in der „Freien Welt“ der 1970er repräsentierte, was, Jahre zuvor, in den Fünfziger Jahren des 20.Jahrhunderts US-Präsident Truman über einen seines Schlages geäußert hatte: „Er ist ein Schweinehund, aber unser Schweinehund!“. Schwarz-Weiß: Das hieß, alle die Marcos ablehnten, waren Staatsfeinde, Kommunisten etc. Hier setzt Lav Diaz in „Seasons of the Devil“ an: Die junge Ärztin Lorena zieht in den Dschungel und eröffnet dort eine Armenklinik. Eine Provokation für den Chairman Narciso (und in der Tat: er ist ein Narziss…), der mit seiner Miliz die Gegend kontrolliert. Also wird Lorena entführt, (von Narciso) vergewaltigt und vor ihrer Ermordung unter Drogen gesetzt. Doch von all dem erfährt der/die ZuseherIn nur aus dem Off. Zu sehen ist stattdessen ein schemenhafter Tanz im Gegenlicht, zu hören ist später ein Duett von Lorena und ihren Folterern, welche gemeinsam den „Talampunay Blues“ singen, dessen Refrain „Den Schmerz verlieren, den Verstand verlieren!" lautet, denn Talampunays, das sind die giftigen Beeren, deren Saft der Ärztin eingeflößt wird… Verfremdung: das ist das Stilmittel dieses Musicals, welches die Banalität der herrschenden Gewalt, die sich stets auf „höhere Werte“ beruft, entlarvt. Einmal kommt – als Gegenbild – Lorenas Mann, der Schriftsteller Hugo Haniway, der ein Gedicht auf den „letzten Filipino“ vorträgt, zu Wort, und die Macht der Poesie besiegt – für einen berührenden Moment – die Übermacht der Gewalt in all ihrer waffenstarrenden Banalität. Hinter den vielen (gesungenen) Worten, die Chairman Narciso als Propagandamittel benützt, steckt, so führt es Lav Diaz in „Season of the Devil“ vor, nichts als „lalalala“…

Termin: 27.10., 18.30h – Metro, Historischer Saal

Von Lav Diaz stammt auch der diesjährige Viennale-Trailer „The Boy Who Chose The Earth“

Ray & Liz

Da kriecht etwas, deutlich ins Bild gerückt, und es gehört nicht zur ohnedies umfangreichen Menagerie der Familie Billingham: Es ist eine Kakerlake, tierisches Symbol der Verunreinigung einer Behausung. Wo die Billinghams wohnen und wie sie da leben, ist ein Kapitel für sich. Besuch kommt selten, doch wenn, ist es eine gezielte Einladung, um Essen, Getränke, im Idealfall auch Geld zu lukrieren... Der etwas unbedarfte Onkel wird zur Beaufsichtigung der Kinder in Abwesenheit des Elterpaares engagiert und von jenen prompt betrunken und in der Folge für einen Streich unter Anleitung des ältesten Sohnes verantwortlich gemacht. Liz, die Mama, der man besser nicht widerspricht, verprügelt den Onkel dafür mit einem ihrer Stöckelschuhe... Als das Jugendamt nach einer Überprüfung den Jüngsten mitnimmt, fragt der Zweitälteste: "Kann ich auch mit?"... Ray, der Vater, wird in zwei Lebensphasen gezeigt: als verantwortungsloser Vater in den seinen Vierzigern und als alter Mann - in beiden Phasen ist er Alkoholiker. In seinen späteren Jahren wird er von Vertrauten regelmäßig mit unscheinbaren Mehrliterflaschen beliefert, doch es ist keine Limonade, die Ray da erhält...

"Ray & Liz" (GB 2018; Regie: Richard Billingham) ist der erste Langfilm des Fotographen Richard Billingham, die erste künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Eltern ist es keineswegs. Da ist nicht nur fotografisches Material, da sind auch Kurzfilme, welche die Eltern porträtieren. "Ray & Liz" ist weder moralinsauer noch denunziatorisch, besticht vielmehr durch "fotografische" Präzision und Sarkasmus, während die monströsen Lebensumstände der Billinghams vorgeführt werden. Keine Anklage, kein Kommentar - es ist wie es ist, auch wenn keinesfalls übersehen werden darf, dass all dies während der Ära Thatcher passiert. Wir erfahren nicht, wie Ray und Liz so geworden sind, doch es ist zu erahnen, was ihren Abstieg beschleunigt hat...

Termine:

26.10., 21.00h Gartenbaukino

28.10., 18h Stadtkino im Künstlerhaus

Styx

Es gehört zum Alltag einer Notärztin,  Menschen in einem  Zustand zwischen Leben und Tod vorzufinden, und diese, so möglich, wieder auf die Seite des Lebens zu ziehen. Am Vortag ihrer Abreise in den Urlaub, zu einem Segelturn, hilft Rike in Köln noch einem schwerverletzten Unfallopfer, sie rettet ihn in buchstäblich „letzter Minute“. Am  Tag darauf geht es schon nach Gibraltar, dort liegt Rikes  Elf-Meter-Yacht. Ihr  Ziel ist Ascesion Island, Darwins paradiesisches Eiland, welches bis heute als selbsterhaltendes Ökosystem funktioniert. Die sagenumwobene Insel liegt zwischen Angola und Brasilien. Knapp vor Mauretanien erreicht Rike eine Sturmwarnung. Als das Unwetter  überstanden ist, vermeint sie bei einem Blick durch die Luke etwas zu sehen. Das Fernglas verschafft ihr Gewissheit: es handelt sich um ein Fischerboot, überladen mit Flüchtlingen… Dass es kentern  wird, scheint unvermeidlich. Die Schutzsuchenden  gestikulieren, sind offenbar uneins über ihre Lage und hoffen wohl auch, das wie aus dem Nichts auftauchende Schiff, Rikes Yacht, würde sie aufnehmen… Rike kontaktiert die Küstenwache. Die blockt ab, verspricht zugleich, das „Problem“ zu lösen und beschwört Rike, ja nicht eigenständig zu handeln. Im  Wasser  taucht ein Bündel Mensch auf. Sie rettet das Kind, nimmt es zu sich an  Bord. Der Junge heißt Kingsley und verlangt von ihr, dass sie „zumindest“ seine Schwester an Bord holt, wenn schon  nicht alle, die am sinkenden Fischerboot um ihr Leben kämpfen… Aber das ist leichter gesagt als getan. Rike kontaktiert die Küstenwache, wieder und wieder. Doch nach ausweichenden kommen gar keine Antworten mehr. Die Lage spitzt sich zu… 

In Zeiten, da NGO’s, welche flüchtenden Menschen in Seenot helfen, gewissermaßen zu Feinden Europas erklärt  werden, die mit kriminellen Schleppern im  Bunde  seien, so wie jüngst skandalöserweise vom österreichischen Kanzler Kurz, kommt ein Film  wie Wolfgang Fischers „Styx“ (Deutschland/Österreich 2018)  einem  notwendigen Korrektiv gleich. Der Impuls der Notärztin  Rike, zu helfen, kollidiert mit dem  unausgesprochenen, doch mittlerweile vorherrschenden „realpolitischen“ Ansatz, in Seenot befindliche Flüchtlinge lieber ertrinken als an Festland  zu lassen.

Was  Rike Kingsley zu erklären  versucht, dass sie gar  nicht imstande wäre, alle flüchtigen Hilfesuchenden aufzunehmen, stimmt, was sie ihm  verschweigt, ist die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen, Hilfe herbeizurufen, weil kein Präzedenzfall geschaffen werden soll…

Der Fluss „Styx“ stellt in der griechischen Mythologie die Grenze zwischen der  Welt der Lebenden und dem Totenreich dar. An eben dieser Grenze bewegt siech Rike mit  ihrem Schiff, wird dabei ungewollt zur „Fährfrau des  Todes“… Zu Beginn des Filmes sieht  man die Affen von  Gibraltar, wie sie herumtollen, auch, wie sie offenbar das Treiben um sie herum beobachten… Seitenverkehrte Welt: “Styx“ zeigt, wie der aufrechte Gang wieder verlernt werden kann. Unpolemisch, fern jeder Geschwätzigkeit, doch mit ruhiger Genauigkeit ist daraus so etwas wie ein Film der  Stunde geworden.

Termine: 

31.10., 20.30h Gartenbaukino

1.11., 16h Urania

La Flor 

Wenn sich die Retro des österreichischen Filmmuseums heuer mit „The B-Movie“ beschäftigt, so ist das auch ein Thema des  so vergnüglichen wie sehenswerten Genre-Switchers „La Flor“.

"La Flor" (Arg. 2018; Regie: Mariano Llinás), eine dreizehnstündige Reise durch die Filmgenres, aufgeteilt in sechs Episoden, zu sehen in acht Teilen mit vier Schauspielerinnen, die in allen Geschichten im Zentrum der Erzählungen stehen

Er sei, sagt Mariano Llinás, für dieses Projekt von Jean-Luc Godards "Histoire(s) du cinéma" angeregt worden. La Flor" biete sich als fiktionale Variante an...

Da wird listig mit den Erwartungen des Publikums gespielt, verworrene Handlungen werden noch weiter zugespitzt, um plötzlich wieder abgebrochen zu werden ("Schlüsse werden überschätzt" bemerkt dazu Regisseur Llinás mit angemessener Ironie in einem Interview). Und wenn sich eine auflodernde Filmmusik zu immer größerer Dramatik aufschwingt, führt das erst recht in die Irre... 

Besonders sichtbar wird dies in der einzigen nicht genretypischen, selbstreflexiven Episode. Zwar dauern hier die Dreharbeiten für einen Film, den ein über allem schwebender, stets hypernervöser Regisseur (als Darsteller: naturgemäß Mariano Llanás!) zur Vollendung (im wahrsten Sinne des Wortes… ) bringen will, schon stolze sechs Jahre, doch die vier Hauptdarstellerinnen wissen immer noch nicht, ob sie oder die Bäume in einer abgelegenen Allee, welche ihr Regisseur alternativ zu den (stets geänderten) Szenarien und – obsessiv - filmt, im fertigen Film vorkommen werden… Je mehr Wind durch die Äste streicht, desto aufwallender wird die Musik…

Und da wäre ja auch viel…  Suspense“  - oder doch nur ein trügerischer Widerschein? Wird eine Frage nicht beantwortet, taucht unversehens eine andere auf, um danach elegant das Thema zu wechseln…

Unübersehbar ist, wie kundig sich Llanás durch die Genres bewegt, ob nun B-Movie, Spionagefilm oder Musical. Und zugleich: wie ihn die Lust zur Decodierung, zur Dekonstruktion antreibt. Wen die Länge dieses ironischen Streifzuges durch die Genres stört, der/die ist im falschen Kino oder ohnedies falsch im Kino.

„La Flor“ führt das Publikum, augenzwinkernd, Haken schlagend, falsche Spuren legend, in das (Un-)Sinn stiftende Labyrinth der Kreativität und ist eine dreizehnstündige Liebeserklärung an das Kino.

Not to be missed!

Termine:

Teil 1 (Akt 1+2): 2.11., 13.30h Metro, Historischer Saal (226 Minuten)

Teil 2 (Akt 3+4+5). 3.11., 11h Metro, Historischer Saal (344 Minuten)

Teil 3 (Akt 6+7+8) 4.11., 11h Metro,  Historischer Saal (320 Minuten)

Diane

Diane kümmert sich um ihre Freunde, besucht sie auch, wenn sie alt und siech geworden sind. Abends arbeitet sie in einer Suppenküche für Obdachlose. Und da ist noch ihr drogenabhängiger Sohn, der ihre Fürsorge nicht ertragen kann... Eines Tages ist er verschwunden und kehrt später als "geheilt" zurück - nun ist er Mitglied einer christlichen Sekte, willens, auch die Mutter zu "bekehren", aus der Aggressivität des Junkies ist eine bigotte Unbeirrbarkeit geworden - Diane fühlt sich vom Regen in die Traufe versetzt... Was "Diane" (USA 2018; Regie: Kent Jones) ausmacht, ist dessen Erzählweise abseits der klassischen Narration. Anstelle einer fortschreitenden Erzählung eine "elliptische" Bestandsaufnahme im Stile des US-Independent-Kinos. Wie Diane, diese an alle/s, außer an sich selbst Denkende im unwirtlichen Westen von Massachusetts ihre Runden dreht, von ihren Schützlingen zu einer Bar und retour, wie Mary Kay Place, dabei bisweilen an Gina Rowlands gemahnend, daraus eine Figur formt, der man nicht müde wird, zuzusehen, das macht diesen, nicht auf "Entwicklung" setzenden, vielmehr insistierenden Film bemerkenswert.

Termine: 5.11., 20.30h Stadtkino im Künstlerhaus

6.11., 14.45h Gartenbaukino