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Die Dinge und ihr Lauf

Kurt Hofmann

Berlinale 2018/1: Forum, Panorama, Perspektive Deutscher Film, Generation 14 plus

28.02.2018

Etwas tun. Zumindest nicht: “den Dingen ihren Lauf zu lassen“. Sich zu bewegen, anstatt still zu halten oder zuzusehen, allemal.

Wer bei den nachfolgend besprochenen bemerkenswerten Filmen aus den nicht dem Wettbewerb zugehörigen Berlinale-Abteilungen nach einer (inhaltlichen) „Klammer“ sucht, findet sie auf diese Weise…

Wieder einmal ist Cobain aus einer Pflegefamilie ausgerissen.. Doch den 15jährigen treibt nicht pubertäre Unrast, sondern die Sorge um seine untergetauchte drogensüchtige Mutter, die zu allem Überdruss auch noch schwanger ist, an. Jene, die ihn bezeichnenderweise nach Kurt Cobain benannt hat, wird in Cobains Wahrnehmung zu (s)einem Kind, das noch dazu ein (weiteres) Kind in eine Welt setzen will, die ihr fremd und feindlich gesonnen ist. In „Cobain“ (NL/Bel/D 2017; Generation 14 plus) erzählt Nanouk Leopold (der „Crossing Europe“ vor einigen Jahren ein spezial gewidmet hat) über einen Jugendlichen, welcher ins Erwachsensein hineingestoßen wird und beinahe daran zerbricht.

Alles, was Cobain an Bedürfnissen und Sehnsüchten hätte, verdrängt er zugunsten der Sorge. „I’m worried about you!“ sagt er zu seiner Mutter. Die antwortet ihm zweideutig, aber unmissverständlich: “Do I worry about you?“… Cobain will seine Mutter aus deren Lethargie reißen, weiß aber nicht wie. Was (ihm) bleibt, ist Zorn, auf sein Unvermögen, auf die Aussichtslosigkeit, dem Unvermeidlichen zu entgehen, auf die Mutter, die ihm die Luft zum Atmen nimmt. Doch es ist ein ohnmächtiger Zorn und irgendwann muss Cobain sich entscheiden, was er aus seinem eigenen Leben macht…

Nicht zuletzt mittels ihres kongenialen Protagonisten, dem formidablen Debütanten Bas Keizer, zeichnet Nanouk Leopold in „Cobain“ das Bild eines Zerrissenen, der, weil er versucht, Verantwortung zu übernehmen, von den ihn betreuenden staatlichen Stellen als verantwortungslos eingeschätzt wird…

Und noch einmal "coming of age": Mati ist siebzehn, wenn sie das Schuljahr erfolgreich mit der Matura abschließt, wird sie das Land für die Stadt eintauschen. Hier, am Land, läuft alles eindimensional nach Ritualen. Mati ist quasi ein weibliches Ehrenmitglied der männlichen Motocross-Gang des Ortes, in dem sie aufgewachsen ist. Sie lacht bei allen faulen Macho-Schmähs der Jungs mit und hat im übrigen auf dem Moped ohnedies mehr "drauf" als die meisten männlichen Gang-Mitglieder... Ihr bester Freund, ist Sebastian, der in der auffälligen roten Bomberjacke, derjenige, der das Sagen hat. Als Sebastian ihr abseits seiner üblichen Protzigkeit, es mehr schlecht als recht in Worte fassend, anbietet, mehr als ihr "bester Freund" zu sein, blockt Mati ab. Das war nicht vorgesehen und nicht Vorgesehenes hat im engen Tal keinen Platz. Nicht bei Mati, die irritiert ist, dass nun auf einmal alles anders sein soll und auch nicht für ihren Vater, der wütend abstreitet, homosexuell zu sein, weil das, was in ihm wühlt, nicht wahr sein darf.

Das eigene Rollenbild verlassen: Wenn Mati auf die gleichaltrige Supermarktkassierin Carla trifft, sieht sie, was sie nicht ist: in sich selbst ruhend, wissend um die eigenen Stärken. Und was Carla zu ihr sagt: "Wenn du dich mit Wichsern abgibst, wirst du irgendwann selber einer" wirkt nach bei Mati. Aber so leicht ist es wieder nicht, altvertraute Bande zu lösen...

Mücksteins L'Animale" (A 2018; Panorama Special) ist eine Reflexion über das Begehren nach dem "Anderen", welches das Eigene sein könnte. Sich von der eingeübten Attitüde zu lösen, Fragen zu stellen, wo immer bloß vorgefertigte Antworten waren, das ist für die Hauptfiguren ihres Films, die üblicherweise nicht anders können, als sich stetig zu wiederholen, wissend, dass Abweichungen sofort sanktioniert werden, nicht leicht. "L'Animale" ist ebenso das sensible Portrait einer Heranwachsenden wie auch - im Subtext - die Antwort für alle jene, die sich über gewisse Wahlresultate in Regionen wie dieser Fragen stellen...

Ein US-amerikanischer „Held“ kommt im Sarg aus Afghanistan zurück. Die Übergabe des Leichnams durch eine Delegation der Armee findet an der Grenze zum Indianerreservat statt, denn der Tote war ein Native American. Unvermeidlicherweise ist der Sarg mit der US-Flagge bedeckt, eine Ehre, auf die von den Angehörigen gerne verzichtet wird. Und so entfernt einer der Brüder des „Helden“ diese, gibt sie an den die Zeremonie leitenden US-Offizier zurück und ersetzt sie durch ein eigenes Banner. Ein nochmaliger Versuch, das „Land of the Free“ ins Recht zu setzen, scheitert ebenso, und so endet der Showdown an der Grenze, indem sich der Leichenwagen ohne US-Flagge in Richtung Reservat in Bewegung setzt, vorbei an einem handgemalten Schild: „This is Indian Land“.

„Land“ (It/F/NL 2017; Barak Jalali; Panorama) ist ein Anti-Western“ über das Leben der Native Americans inmitten sozialer Ausgrenzung und inakzeptabler Lebensbedingungen. Amerika hat auf sie, die „Ureinwohner“ vergessen. Was Wunder, dass Mutter Denetclaw, die ihren Familienclan im Reservat zusammenhält, zum Besuch der Army in Sachen „Heldentod“ ihres Sohnes trocken bemerkt: „Er starb nicht für sein Land, sondern für seine Arbeit!“

Denn ein Job bei der Army ist begehrt im Reservat, wo die Arbeitslosenquote bei 80% liegt… Von den beiden anderen Söhnen hat Ray, der älteste, noch einen - schlecht bezahlten – Job in der industriellen Landwirtschaft gefunden, während Wesley, der jüngste, tagsüber im Liquor Store knapp über der Grenze bei den Amis herumhängt, denn Alkoholiker darf man im Reservat nicht sein, arbeitslos schon. Als er von den Söhnen der Ladenbesitzerin krankenhausreif geschlagen wird, garantiert deren Mutter - wieder so eine „Clanchefin“, hier auf „weißer“ US-Seite, dessen Bruder Ray das Recht auf Rache…

Auf ruhige, bisweilen statische Weise, mit kargen Dialogen, auch mittels der präzise komponierten Bilder der Kamerafrau Agnes Godard setzt sich Babak Jalali, der sich akribisch vorbereitet hatte (er besuchte in der Vorbereitung auf dieses Projekt 30 Reservate in 15 verschiedenen Staaten und verbrachte in jedem dieser Reservate einige Monate) mit dem Leben der Ausgegrenzten auseinander. „Land“ ist ein „Anti-Western“, der auf große Gesten verzichtet. Wer sehen will, sehe, was aus der "Eroberung Amerikas" geworden ist…

Da setzt sich einer in ein geparktes Auto und wartet auf dessen Besitzer. Der kommt, fragt, was der dreiste Mann in seinem Wagen will und erhält zur Antwort, jener warte nur darauf, dass er endlich losfahre… Paul Zeise ist einer, der sich vom Leben treiben lässt. Er wartet auf Gelegenheiten, die sich ihm bieten. Und immer wieder versteht er es, denjenigen, die er mit seinem schlitzohrigen Charme überrumpelt hat, zu vermitteln, dass die Begegnung mit ihm ein Glückslos war...

Irgendwie stimmt das ja auch, denn er bereichert ihr meist trauriges Leben durch seine Geschichten und kann sich prima anpassen, ohne je anpasserisch zu sein. Paul ist kein gewiefter Schmarotzer, er gibt denen, auf die er trifft, immer etwas zurück, wenn auch nicht auf materielle Weise. Ebenso wenig nimmt er diese aus, denn er ist kein Betrüger, sondern ein Lebens-Künstler, dessen Entschluss, nie mehr zu arbeiten, im Sinne des sich-täglich-überraschen-zu-lassen zu verstehen ist…

„Whatever happens next“ (D 2018; Regie: Julian Pürksen; Perspektive Deutsches Kino) ist ein Plädoyer für Müßiggang. Von einem wie Paul geht ein widerspenstiger Grundzug des Nicht-Mitmachens ebenso aus wie ein Misstrauen gegen Aktivitäten jeder Art…

1986: Das ist das Jahr, in dem Kurt Waldheims „Gedächtnislücken“ offenbar wurden – wie da einer nirgends dabei war und stets nur „seine Pflicht getan“ hatte…

1986: Das war auch das Jahr, in dem die kollektive Selbstbeschreibung Österreichs als „erstes Opfer Hitlers“ ein Ende fand – nicht zuletzt dank des in Sachen NS-Zeit so „vergesslichen“ Herrn Waldheim…

Wenn Ruth Beckermann in „Waldheims Walzer“(A 2018; Forum) altes Material neu sichtet, so ist das nicht ein historischer Exkurs, vielmehr ist dieser Film in Zeiten „alternativer Fakten“ ebenso aktuell (Waldheim bezeichnete sich als Opfer einer „Campaign“, angezettelt vom Jüdischen Weltkongress…) wie in Zeiten antisemitischer Sangesfreude in manchen, mittlerweile etablierten Kreisen…

Wer sieht, wie es 1986, mitten auf dem Stephansplatz, anlässlich einer Anti-Waldheim-Demo durch einen Waldheim vehement verteidigenden Passanten zu einem ungeniert antisemitischen Ausbruch kommt, kann es kaum fassen, welche Schleusen damals geöffnet wurden. Von den entlarvenden Statements der ÖVP-Politiker jener Jahre ganz zu schweigen…

Vieles in „Waldheims Walzer“ klingt vertraut, leider nicht nur aus der Erinnerung, weshalb Ruth Beckermanns kluger Filmessay verdientermaßen als bester Dokumentarfilm der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet wurde.

Was „1968“, um diesen vagen Begriff als Orientierungshilfe zu verwenden, (in Deutschland, oder richtiger, der BRD) auch bewirkt hat, war eine Diskussion um die Verwahranstalten der Psychiatrie. Anfang der Siebziger Jahre des 20.Jhdts. entsteht rund um den Arzt Dr. Wolfgang Huber das „Sozialistische Patientenkollektiv“(SPK), welches die Aufhebung des Arzt-Patienten-Verhältnisses und die Selbstorganisation der Patienten propagiert. Immer mehr finden sich, diese Vorstellungen im Rahmen des SPK auch umzusetzen. „Aus der Krankheit eine Waffe machen“ heißt es programmatisch, denn: “Das System hat uns krank gemacht, geben wir dem kranken System den Todesstoß“… Folgerichtig wird Hegel, Marx, Foucault… gelesen und diskutiert. Das SPK interessiert sich für die gesellschaftlichen Kämpfe, als deren Teil es sich begreift. Dieser antikapitalistische Ansatz erregte auch außerhalb der BRD bei führenden Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre Aufmerksamkeit, der notierte:“ Jede Sorte Therapie, die ja ohnedies nur eine so genannte ist, ist in Wirklichkeit Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, sonst nichts.“ Auch dass sich das SPK mit der Nazivergangenheit der deutschen Psychiatrie befasst, verstärkt den Gegendruck der etablierten Kräfte. Erst will man Huber die Approbation entziehen, er sei, heißt es, ohnedies mehr Philosoph als Mediziner, später, als sich das SPK weiter radikalisiert und einzelne Mitglieder mit der RAF sympathisieren, werden das SPK verboten und dessen führende Exponenten kriminalisiert.

Gerd Kroskes „SPK Komplex“ (D 2018; Forum) ist mehr als die Erinnerung an ein spannendes Experiment in politisch bewegten Zeiten. Kroske verweist darauf, dass es heute durchaus üblich ist, dass auch Laien Patienten betreuen und Patienten in Wohngruppen leben. Doch eine Gruppe wie das SPK, die das Arzt-Patienten-Verhältnis ebenso in Frage stellte wie die herkömmlichen Definitionen „psychischer Gestörtheit“, ist weitgehend in Vergessenheit geraten (bzw.: in Vergessenheit gehalten worden…)

Carmen Roll ist eine „Hauptzeugin“ Gerd Kroskes für die Entwicklung des SPK. Ihre persönliche Entwicklung bringt sie durch ihr Engagement erst ins Gefängnis (ihr werden Mitgliedschaften beim SPK wie bei der RAF vorgeworfen), später dockt sie bei einem verwandten Projekt an und arbeitet beim italienischen „Anti-Psychiater“ Franco Basaglia, der die psychiatrische Klinik San Giovanni in Triest aufgelöst hat. Heute ist Roll eine der InitiatorInnen für ein Frauenhaus im Irak, in dem Kriegswitwen, die selbstmordgefährdet sind, psychologisch betreut werden sollen.

Erkunden, was krank macht: Gerd Kroskes „SPK Komplex“ hat im Rahmen des „Forum“ großes Interesse gefunden und zu intensiven Diskussionen geführt - diesen Film nicht auch in den Kinos zu zeigen, wäre ein verleiherisches Armutszeugnis.