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„Ah! Wie schön ist das! Das ist die Revolution!“ - Ernest Mandel, Rebell zwischen Traum und Tat

Fritz Keller

„Ah! Wie schön ist das! Das ist die Revolution!“, soll er euphorisch ausgerufen haben, als im Pariser Quartier Latin im Mai 1968 die Barrikaden brannten. Ernest Mandel (1923-1995), dem dieser Freudenschrei in den Mund gelegt wird, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein langjähriger Berufsrevolutionär im Dienste der trotzkistischen Vierten Internationale. Seine einschlägige „Ausbildung“ hatte der flämische Internationalist mit jüdischen Wurzeln als Jugendlicher mit Untergrundarbeit gegen die deutschen Besatzer in Belgien begonnen.

30.10.2009

„Ah! Wie schön ist das! Das ist die Revolution!“

soll er euphorisch ausgerufen haben, als im Pariser Quartier Latin im Mai 1968 die Barrikaden brannten. Ernest Mandel (1923-1995), dem dieser Freudenschrei in den Mund gelegt wird, war zu diesem Zeitpunkt bereits eine langjähriger Berufsrevolutionär im Dienste der trotzkistischen Vierten Internationale. Seine einschlägige „Ausbildung“ hatte der flämische Internationalist mit jüdischen Wurzeln als Jugendlicher mit Untergrundarbeit gegen die deutschen Besatzer in Belgien begonnen. Wiederholten Verhaftung durch die GESTAPO und eine Odyssee durch ein halbes Dutzend Nazi-Gefängnisse und Arbeitslager waren weitere Schritte seiner „Karriere“.

Diese langjährige politische Erfahrung, kombiniert mit Esprit und polyglotter Rhetorik, machten Mandel zu einem der intellektuellen Wortführer der 68er-Bewegung. Tariq Ali, Perry Anderson, Ernst Bloch, Rudi Dutschke und Hubert Krivine zählten zum engeren Kreis seiner politischen Freunde. In Auftritten rund um den Erdball versuchte er dem movement immer neue, zukunftsweisende Impulse zu geben. Die Herrschenden in Australien, der BRD, Frankreich, der Schweiz und den USA quittierten diese Umtriebe mit Einreiseverboten, konnten aber nicht verhindern, dass Mandels Buch „Einführung in den Marxismus“ das Weltbild einiger Generationen von AktivistInnen prägte.

Selbst im österreichischen „Krähwinkel“ hinterließ Ernest Mandel als permanenter Aufwiegler seine Spuren. Persönlich ist mir ein mit ihm geführtes, in der SPÖ-Zeitschrift „Zukunft“ (Nr. 7/ Juli 1990) publiziertes Interview in lebendiger Erinnerung, in dem er, entgegen den vom CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl verbreiteten Illusionen vom baldigen Entstehen „blühender Landschaften“ im Osten, eine ökonomische Gleichstellung der Ex-DDR an die BRD bestenfalls in Jahrzehnten nach dem Anschluss prognostizierte. Unvergesslich bleibt mir auch der knock-out-Sieg Mandels, bei den vom ORF übertragenen Salzburger Humanismusgesprächen am 19. Dezember 1990, gegen den Sozialphilosophen Günther Rohrmoser. Auf den massiven Vorwurf des akademischen think-tanks von Franz Josef Strauss und Hans Karl Filbinger, dass Karl Marx der eigentliche Urvater des Stalinismus wäre, repliziert er nämlich mit der nonchalant vorgebrachten Frage, ob der Christ Rohrmoser - seiner eigenen Logik folgend - dann auch die Verbrechen der Kirche dem Jesus der Bergpredigt anrechnen wolle.

Weniger öffentlichkeitswirksam als in seiner Rolle als Berufsrevolutionär, dafür im Langzeit-Effekt sicher nachhaltiger wirksam, war Mandel als Theoretiker: Ständig unterbrochen durch seine vielfältigen politischen Aktivitäten, arbeitete er 15 Jahre seines Lebens an der „Marxistischen Wirtschaftstheorie“ (Frankfurt 1962). In diesem opus magnus bemühte er sich, in das vom Marx im „Kapital“ hinterlassenen Gedankengebäude neue ökonomische, technologische und soziale Faktoren und Variablen zu integrieren. Als sein politischer Weggefährte, der ukrainische Wirtschaftstheoretiker Roman Rosdolsky, Verfasser einer „Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital“, das Fehlen eines schlüssigen Krisenmodells bemängelte (Krise als Folge von Unterkonsumtion oder Konsequenz von Disparitäten zwischen der Abteilung I und Abteilung II) näherte sich Mandel diesem Problem in zwei weiteren, voluminösen Publikationen an (Spätkapitalismus, Fankfurt 1972/ Ende der Krise oder Krise ohne Ende? Bilanz der Weltwirtschaftsrezession und der Krise in der Bundesrepublik, Berlin 1977).

Wie die meisten brillianten und vielseitig begabten Persönlichkeiten war Mandel jedoch - um es mit Conrad Ferdinand Meyer zu sagen - alles andere als ein „ausklügeltes Buch“. Sein Biograph Jan Willem Stutje, der vier Jahre lang in verschiedenen Archiven, nicht zuletzt in den Beständen der Ernest-Mandel-Foundation recherchierte, hat eine Fülle von Widersprüchen seines „Helden“ zu Tage gefördert: Zum Beispiel, dass er außer der publizierten Sozialgeschichte des Kriminalromans (Ein schöner Mord, Frankfurt 1987) Studien über den Jesuitenorden und ein Buch über PhilatelistInnen zu schreiben beabsichtigte. Oder, dass das Privatleben des Berufsrevolutionärs im Haus im Brüssler Stadtbezirk Schaerbeek völlig von der dort residierenden jüdischen „Mamme“ beherrscht wurde. Oder, dass sich sein Liebesleben als problembehaftet beschreiben lässt, und er sich als völlig unfähig erwies, einer seelisch kranken Partnerin beizustehen.

Rezensenten aus der trotzkistischen Szene üben scharfe Kritik an Stutjes komplexem Ansatz. So bemängelt etwa Phil Hearse, langjähriges Mitglied der britischen Sektion, dass sich „Stutjes Buch zu sehr mit dem Privatleben befasst“ (INPEKORR 454-455/2009) und ist damit einer Meinung mit Mike Macnair im Weekly Worker (Nr. 783/ 3. September 2009), der die „individualisierende sowie psychologisierende Herangehensweise“ rügt. Beide Rezensenten vermissen Fakten aus der trotzkistischen Organisationsgeschichte und wollen exakt dann nichts von „das Private ist politisch“ wissen, wenn Stutje an Hand der heftigen internen Kontroversen über eine Phantom-Sektion der Vierten Internationale in Polen nachweist, wie Mandels charakterliche Prägungen politische Entscheidungsprozesse in Akte eines Psycho-Dramas verwandelten.

Ist diese Sensibilität Zufall? Wohl nicht. Denn an sich müssten Hearse/ Macnair (wie die gesamte Linke) ein großes Interesse haben zu erfahren, welche Faktoren einen Menschen zu einem lebenslangen aufrechten Gang befähigen – und welcher Preis dafür bezahlt wird. Warum dann diese heftigen Abwehrmechanismen? Stutje rührt mit seiner psychologisierenden Herangehensweise offenbar an einem Tabu-Thema im Selbstverständnis sämtlicher Gruppierungen der trotzkistischen Szene: Sind die endlosen Spaltungen wirklich Produkt inhaltlicher Differenzen oder verbergen sich hinter der rationalen Fassade der Streitigkeiten nicht, öfter als die AkteurInnen wahrhaben wollen, Psycho-Dramen? Sind politische Kleingruppen nicht nur Sozial-Biotop für geniale, sondern auch Zufluchtsstätte für Menschen mit massiven psychischen Problemen?

Gerade weil Stutje diesem kontroverse Thema breiten Raum widmet, ist seine Biographie Mandels über jeden Verdacht erhaben, eine Parteigeschichte der Vierten Internationale oder einer Hagiografie eines prominenten Trotzkisten zu sein. Mehr noch: Stutje zeichnet in seinem Buch bewusst und gekonnt das Licht-und-Schatten-Porträt eines brillianten Intellektuellen und lebenslangen Kämpfers nach und gat sich damit Marx’ Lebensmotto „An allem ist zu zweifeln“ wirklich zu Herzen genommen.

Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat
Aus dem Niederländischen von Klaus Mellenthin, VSA –Verlag, Hamburg 2009, 480 Seiten, Hardcover, € 39.80
ISB 978-3-89965-316-8