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Analog? Digital? Letztlich egal!

Kurt Hofmann

Zur Viennale 2016 (20.10.-2.11.2016): Ein Interview mit Viennale-Direktor Hans Hurch

19.10.2016

Auch die Viennale 2016 hat ein vielfältiges und attraktives Programm anzubieten. Neben Filmen der „üblichen Verdächtigen“ wie Jim Jarmusch, Olivier Assayas, den Brüdern Dardenne, Ken Loach... warten zahlreiche Neu- und Wiederbegegnungen im Hauptprogramm auf die Cinephilen. Das „Salz in der Suppe“ sind wie stets die zahlreichen Tributes und Special Programs. Besonders verwiesen sei hier die Retro Robert Land, die Wiederentdeckung eines verschollenen Filmemigranten, und auf eine dem kürzlich verstorbenen Jacques Rivette gewidmete Hommage mit dem schönen Titel „Das Kino gehört uns“.

Einen außerordentlichen Platz im Viennale-Programm nimmt die alljährliche Retro im Österreichischen Filmmuseum ein. „Ein zweites Leben. Thema und Variation im Film“: Hiermit werden nicht simpel Remakes verstanden (auch die finden sich, wenngleich in geringer Zahl, im Programm der Retro), vielmehr die Wiederaufnahme eines Motivs unter neuem Blickwinkel. Die etymologische Forschung vermerkt zu „variieren“ als frühe Bedeutungsebene die Übersetzung „Abwandlung des Ausdrucks“... Ein Muss für alle FilmliebhaberInnen: Not to be missed!

Alle Infos zum diesjährigen Programm, welches wie immer in den Viennale-Kinos Gartenbau, Metro, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania sowie dem Österreichischen Filmmuseum stattfindet, unter www.viennale.at

Zu weiteren Aspekten des diesjährigen Programmes sprach Kurt Hofmann für Die Linke mit Viennale-Direktor Hans Hurch.

Die Linke: Ein Schwerpunkt der Viennale 2016 ist den „Noticieros“, den kubanischen Wochenschauen von 1960-1970 gewidmet. Dieses Programm wird zum ersten Mal in einem Kino außerhalb Kubas gezeigt...

Hans Hurch: … und wir sind sehr stolz darauf, dass wir es, unter dem Titel „Das rebellische Bild“ bei der Viennale zeigen können. Die Viennale hat die Wochenschauen auch (englisch) untertitelt und lädt zudem, während des Rahmenprogramms im Viennale-Festivalzentrum (1010 Wien, Dominikanerbastei 11) am 29.10., 19.30h, zu einem Gespräch über die „Noticieros“ ein.

Die Linke: Was war das Besondere an den „Noticieros“?

Hans Hurch: Sie boten die Möglichkeit, das Volk zu informieren. Kuba war damals kein hochentwickeltes Land, doch es verfügte über ein relativ großes Kinonetz, das bis in abgelegene Regionen reichte. Mit dem Medium des Kinos gelang es, die Revolution zu festigen, indem die Leute auf das neue Kuba ideologisch vorbereitet und eingeschworen wurden. Zugleich waren die Noticieros aber nicht nur ein Transportmittel für Informationen und Ideologie, sie hatten auch eine eigene kinematographische Form. Die ZuschauerInnen werden überrascht sein, wie witzig, wie ungewöhnlich, diese Wochenschauen mit Bild- und Tonebenen arbeiten... Viele wichtige kubanische RegisseurInnen haben sich an den „Noticieros“ beteiligt, allen voran Santiago Alvarez an führender Stelle.

Die digital restaurierte Fassung der „Noticieros“ erlebt im Rahmen der Viennale ihre Weltpremiere, sie wird hier, noch vor der Aufführung im Rahmen des Filmfestivals Havanna, dem Wiener Publikum gezeigt.

Die Linke: Einige Filme des Hauptprogramms widmen sich in besonderem Maße sogenannten „Brennpunkt“-Themen. Die nächsten Fragen sprechen zwei Beispiele dieser „Kategorie“ an. Da wäre zum einen der Spielfilm „Dark Night“, welcher, ausgehend von einem spektakulären Attentat auf ein Kino, verübt von einem Mann , der als Kinofigur verkleidet war, diese Vorkommnisse fiktionalisiert und, vom Tagesaktuellen abgelöst, an die Stelle des Spektakulären ein Menetekel setzt... Was macht die Fiktionalisierung aus diesem Akt der Gewalt?

Hans Hurch: Das Schöne an „Dark Night“ ist, dass er die eigentliche Gewalt total ausspart. Was an (latenter) Aggressivität da ist, wird fast wie in einem Bresson-Film behandelt. Man sieht das alltägliche Leben von Menschen in einem kleinen Ort, die unterschiedlichen Dinge nachgehen. Erst am Schluß kommen alle zusammen, wenn sie ins Kino gehen. Eine der Personen, die man schon zuvor kennengelernt hat, betritt das Kino dann nicht durch den Vorder- sondern durch den Hintereingang. Etwas nimmt seinen Lauf... Durch das Aussparen der Gewalt wirkt diese auf viel intensivere Weise, weil sie nicht in einer so offensichtlichen Form dargestellt wird...

Die Linke: Zum anderen sehen wir in der fünfeinhalbstündigen Doku „Homeland“ (Iraq Year Zero), wie einer aus dem fernen Frankreich in sein Heimatland Irak fährt. 2002, ein Jahr vor der US-amerikanischen Invasion, will er wissen, was mit seinem Land los ist, und beobachtet mit seiner Kamera vor allem seine eigenen Familie. 2003 erstellt er einen neuen Befund... Wohl nicht zufällig ist der Titel doppeldeutig, verweist er zwar zuvorderst auf eine Heimkehr, doch ebenso auf die gleichnamige, propagandistisch eingefärbte US-TV-Serie... Wie erlebt der exilierte Filmemacher seine Rückkehr in den Irak?

Hans Hurch: „Homeland“ (Iraq Year Zero) ist ein fast Brechtsches Beispiel dafür, wie die große und die kleine Geschichte, die Alltagsgeschichte, miteinander verwoben sind und zusammenwirken. Abbas Fahdel, der Regisseur von „Homeland“ (Iraq Year Zero) zeigt erst eine angestrengte Normalität, die schon vom Krieg weiß, während noch die Geschäfte laufen, und dann den Krieg, und was er aus dem Alltag macht. Im Zentrum von Fahdels Untersuchung steht dessen Familie, und hier insbesondere der 12jährige Haidar, ein Bub, der in diesen Jahren heranwächst, und schon einen wachen Blick auf das Geschehen besitzt. Er ist von Anfang des Filmes an neugierig auf die veränderte Welt, die sein Onkel mit der Kamera erfassen will, beobachtet und kommentiert alles... Aber: es ist auch ein anderes und höchst gefährliches Aufwachsen für einen Jungen seines Alters im Irak jener Tage...

Die Linke: Analog und Digital: „Gerade weil wir im medialen Alltag kaum noch mit dem analogen Bild konfrontiert sind, werden wir mit der Möglichkeit beschenkt, es überall da, wo es doch noch aufleuchtet, in seiner ganzen Pracht wahrzunehmen, zu bewundern, zu feiern.“ schreibt Lukas Foerster in seinem einleitenden Katalogtext zu „Analog Pleasure.Part 1“, einer Hommage, mehr noch, einer Liebeserklärung an das analoge Kino im diesjährigen Viennale-Programm. Und Michael Palm beschäftigt sich in „Cinema Futures“ ausgehend davon, dass es – auch und gerade im Kino – ohne Vergangenheit keine Zukunft gibt, mit Fragen nach dem „Erhaltenswerten“ und der Konservierung und kommt dabei teilweise zu überraschenden Ergebnissen... Analog, digital: welche Schlussfolgerungen sind aus den Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts zu ziehen?

Hans Hurch: Es ist mir zu einfach, diesen Widerspruch zwischen analog und digital zu betonen, das kommt mir so kulturpessimistisch vor – eine Diskussion, die ich nicht wirklich interessant finde. Dies ist eine „akademische Debatte“, die den sozialen Aspekt von Kino völlig vernachlässigt und der hängt nicht primär mit analog und digital zusammen. Die Frage ist vielmehr: Kann das Kino als eine Form des gemeinsamen Erlebens ein Gegenentwurf zur totalen Vereinzelung durch die „Neuen Medien“ sein? Jean-Marie Straub hat zu analog-digital auf Lenin verwiesen, auf dessen Diktum, das Entscheidende sei nicht die Maschine, sondern, was man mit ihr tut (und wer sie bedient...)... Im übrigen sind bei dieser Viennale neben vielen schönen Filmen im aktuell beherrschenden digitalen Format auch viele schöne Filme im analogen Format zu sehen...

Die Linke: Im drittletzten Jahr der Ära Hurch ist die Nachfrage betreffend die im Vorjahr bei einer Viennale -Pressekonferenz ins Spiel gebrachten „von außen“ kommenden KuratorInnen naheliegend, insbesondere, weil man heuer nichts mehr von ihnen hörte... Als mögliche Ansprechpartner wurden da, wenn ich mich recht erinnere, unter anderem Patti Smith, Peter Handke oder Slavoj Zizek genannt...

Hans Hurch: Ich bin da etwas naiv an die Sache herangegangen und habe unterschätzt, dass all diese „KandidatInnen“ in unglaublichen Arbeitsprozessen stecken. Sie reisen, schreiben, entwickeln Projekte, und könnten selbst bei bestem Willen meinem Anspruch, über das Jahr hinweg „verpflichtend“ eine beachtliche Zahl von Filmen zu sehen, nicht gerecht werden. Dennoch habe ich diese Idee noch nicht aufgegeben. Diese/r zusätzliche GestalterIn müsste eine Person sein, die sich im Rahmen ihrer Tätigkeit zwar nicht ausschließlich, aber doch intensiv und regelmäßig mit Film auseinandersetzt. Auf diese Beschreibung würde abermals Slavoj Zizek passen, aber, mal sehen...

Die Linke: Zum Abschluss wie immer die Frage nach den „Geheimtipps“ des Viennale-Direktors...

Hans Hurch: Da wäre zum einen „I Cannot Tell You How I Feel“, in dem Su Friedrich ihre 94jährige Mutter porträtiert. Die soll nach 52 Jahren von Chicago nach New York ziehen und wird altersbedingt noch „schwieriger“ als sie ohnedies stets war... Das ist ehrlich, unsentimental und auch mit einer gewissen Komik erzählt... Zum anderen möchte ich „Aquarius“ von Kleber Mendonca Filho empfehlen, ein brasilianischer Film, in dem die große Sonia Braga („Der Kuss der Spinnenfrau“) auf eindrucksvolle Weise die Hauptrolle spielt. Es ist die Geschichte einer älteren Frau, die in einem Wohnblock am Meer eingemietet ist, der einer Spekulation zum Opfer fallen soll. Während sich die anderen verdrängen und auskaufen lassen, weigert sie sich, zu gehen, weil sie mit dem Haus so viele Erinnerungen verbindet... Eine scheinbar „private“ Geschichte, die aber in Wahrheit für die aktuelle brasilianische Gesellschaft steht, wo die eigene Geschichte abgeschnitten wird, weil die Investitionen und das Geld so wichtig werden. Schauspielerisch herausragend ebenso wie gesellschaftlich relevant...

Die Linke: Wir danken für das Gespräch.