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Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust

Gilbert Achcars rümt in seinem Buch" Die Araber und der Holocaust – Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen" mit Vorurteilen auf, indem er das Quellenmaterial studiert, er widmet sich dem Thema nicht von einer „neutralen und objektiven“ Warte aus, die es gar nicht geben kann, sondern von einem radikal humanistischen, universalistischen und rationalen Standpunkt aus.

30.04.2013

Dies vorliegende Werk ist insofern von großer Bedeutung, als es über die ethnisch bornierte Sichtweise hinaus geht, die das Thema Naher Osten beherrscht. Der Autor – ein in Frankreich ausgebildeter Hochschullehrer, der zurzeit an der renommierten Schule für orientalische und afrikanische Studien (SOAS) der Universität von London lehrt – ist ein marxistischer und internationalistischer Forscher, der nie einen Hehl aus seinem Engagement für den Kampf der Palästinenser_innen um ihre Rechte gemacht hat. Und genau so jemanden, der allergisch gegen nationalistische und/oder religiöse Hasstiraden ist, brauchte es, um es mit diesem schwierigen und delikaten Thema aufzunehmen – nicht von einer „neutralen und objektiven“ Warte aus, die es gar nicht geben kann, sondern von einem radikal humanistischen, universalistischen und rationalen Standpunkt aus.

Gegen Antisemitismus

Das Eingangskapitel behandelt die Reaktionen der arabischen Welt auf Nazismus und Antisemitismus während der Schoah (1933-1947). Nach einer eingehenden und gründlichen Analyse der vorliegenden Informationen gelangt er zu der Schlussfolgerung, dass die allermeisten liberalen Westler_innen, die meisten fortschrittlichen Nationalist_innen und alle Marxist_innen – mithin Strömungen, die sich gleichermaßen der Aufklärung verpflichtet fühlen – Nazismus und Antisemitismus ablehnten. Die verschiedenen marxistischen Gruppierungen standen dem Antisemitismus und dem Zionismus gleichermaßen ablehnend gegenüber, was selbstverständlich auch für die kleine trotzkistische Formation in Ägypten galt, zu der bedeutende Intellektuelle wie der surrealistische Dichter Georges Henein, der Buchhändler (und Autor) Lotfallah Soliman und der Maler Ramses Yunan zählten; eines ihrer führenden Mitglieder, Anwar Kamal, veröffentlichte 1944 eine antifaschistische und antizionistische Broschüre, die voll des Lobes war für die Position in der Palästinafrage, die Judah Magnus, der Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem und Verfechter des jüdisch-arabischen Dialogs, einnahm.

Die wichtigsten Ausnahmen innerhalb der nationalistischen Strömung bildeten minoritäre Flügel in Ägypten, Irak oder Libanon, die von der extremen europäischen Rechten fasziniert waren. In erster Linie jedoch waren es die panislamistischen fundamentalistischen und reaktionären Strömungen, die sich durch Unterstützung des Nazismus und antisemitische Hetze auszeichneten, wobei sie sich auf den Koran beriefen und mehr noch auf europäische Quellen wie das gefälschte zaristische Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“, das 1925 von einem libanesischen Maroniten ins Arabische übersetzt worden war. Deren Politik war nicht die Zweckallianz mit dem Nazismus, sondern echte Komplizenschaft, die sogar bis hin zur aktiven Zusammenarbeit mit den Achsenmächten ging.

Dies trifft besonders auf die erbärmlichste dieser antisemitischen Gestalten zu: Amin al-Husseini, den Mufti von Jerusalem, der von den britischen Mandatsbehörden dazu ernannt worden war und zu Beginn ausschließlich die Juden bekämpfte. Nachdem er durch den gescheiterten Palästinenseraufstand 1936 ins Exil gezwungen wurde, ließ er sich schließlich in Berlin nieder und geriet dort zu einem eifrigen Diener des Dritten Reichs. In einer Rede am 2. November 1943 erklärte er anlässlich des Jahrestags der Balfour-Deklaration: „Deutschland hat die Juden genau erkannt und sich entschlossen für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt beilegen wird." Es gelang ihm nicht, im Zweiten Weltkrieg eine nennenswerte Anzahl arabischer Kriegsteilnehmer aufseiten der Achsenmächte zu mobilisieren, und die zwei SS-Divisionen bosnischer Moslems, die er gegen den einhelligen Willen der bosnischen Imame zusammenstellen konnte, liefen letztlich 1944 zu den jugoslawischen Partisanen über.

Nach seiner Rückkehr in den Nahen Osten nach Kriegsende spielte er wegen seiner nationalistischen Borniertheit und seinem fanatischen Antisemitismus eine unselige Rolle in der palästinensischen Führung und leistete damit den Expansionsgelüsten von Ben Gurion und Konsorten Vorschub. Achcar nennt ihn kurzum „einen Wegbereiter der Nakba“, der Katastrophe schlechthin für Palästina im Jahr 1948. Wenn es den Palästinenser_innen gelungen wäre, sich den Mufti vom Hals zu schaffen und den jüdischen Anhänger_innen eines binationalen Staates – die linkszionistische Bewegung Hashomer Hatzair oder Judah Magnes, Martin Buber und deren Mitstreiter – entgegenzukommen, wären die Dinge vielleicht anders gelaufen.

Einander Hochschaukeln

Nach der Nakba und besonders nach dem Krieg von 1967 war in der arabischen Welt der vorherrschende Tenor in der Betrachtung der Schoah von Indifferenz geprägt: „Dies ist nicht unser Problem“. Abwegige Vergleiche wurden angestellt: „Zionisten = Nazis“, die von der Gegenseite mit „Nasser = Hitler“ bzw. später „Arafat = Hitler“ quittiert wurden. Dieses „gegenseitige Hochschaukeln“ dauerte noch lange an: Während des Libanonkriegs 1982 gingen manche kritische Juden soweit, das eingekesselte Beirut mit dem Warschauer Getto zu vergleichen, während Begin sich dazu verstieg, die libanesische Hauptstadt mit der des Dritten Reichs zu vergleichen. Gilbert Achcar meint dazu: „Der Vergleich des belagerten Beiruts (wo ich selbst war) mit dem Warschauer Getto, den nicht wenige Israelis anstellten, war sicher daneben. Noch viel unpassender jedoch war in der Summe der Vergleich Beiruts mit Berlin, den Menachem Begin anstellte, um die Belagerung der Stadt zu rechtfertigen.“

Nach 1988 kam es mit der Krise des arabischen Nationalismus und dem Aufkommen des religiösen Fundamentalismus im Nahen Osten aus beiden Richtungen zu einem fulminanten Aufstieg eines muslimisch eingefärbter Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus, was der israelischen Propaganda Wasser auf die Mühlen goss. Beispielhaft hierfür sind die Hisbollah und Hamas, deren Charta von 1988 ein Kondensat antijüdischer und antisemitischer Tiraden muslimischer Färbung darstellt.

Symptomatischer für die Ausbreitung des Antisemitismus in der Region sind jedoch die geschichtsrevisionistischen Auslassungen von Roger Garaudy und Ahmadinedschad, die vom paläs­tinensischen Nationalisten Azmi Bischara und der linken – der Opposition um die Hisbollah nahestehenden – libanesischen Tageszeitung Al Akhbar heftig angeprangert wurden. Glücklicherweise scheiterte der Versuch, 2001 ein geschichtsrevisionistisches Kolloquium in Beirut durchzuführen an den heftigen Protesten bekannter arabischer Intellektueller wie Edward Said, den Dichtern Adonis und Mahmud Darwisch und dem Schriftsteller Elias Khoury.

Für eine bessere Zukunft

Gilbert Achcar ist ein Mensch der Aufklärung. Dies gereicht ihm zur Ehre und ist eine der Stärken seines Buches. Mitunter jedoch verleitet ihn dies zu problematischen Analysen. Zum Beispiel wenn er die revisionistische Geschichtsbetrachtung auf die „unglaubliche intellektuelle Regression der arabischen Welt von heute“ und deren Dummheit und Kulturlosigkeit zurückführt. Die Antisemiten sind leider Gottes nicht alle bloß unkultivierte Ignoranten; das Gleiche gilt auch für die fanatischen Siedler und antiarabischen Rassisten auf israelischer Seite. Es gibt durchaus Lichtblicke in diesem düsteren Szenario, Menschen und Gruppen, die ihre Stimme erheben und für eine gegenseitige Anerkennung der Leidensgeschichte eintreten, selbst wenn man nicht „die Massenvernichtung mit der Massenenteignung (Schoah und Nakba) auf eine Stufe stellen“ kann, wie Edward Said nüchtern bemerkte. Dies gilt für Avraham Burg, den ehemaligen Vorsitzenden der Knesset, der World Zionist Organization und der Jewish Agency, der inzwischen zum unerbittlichen Kritiker des „schleichenden Rassismus“ der israelischen Gesellschaft und der politischen Instrumentalisierung der Schoah durch die Staatsoberen geworden ist. Oder aber für Edward Said, ein großer Vertreter des kritischen Humanismus und Verfechter der palästinensischen Sache, der darauf beharrte, dass die arabische Welt die außergewöhnliche Dimension der jüdischen Tragödie begreifen müsse, denn „wir müssen gemeinsam auf unsere Geschichte zurückblicken, wie schwer dies auch fallen mag. Nur so können wir eine gemeinsame Zukunft haben“.

Zu dieser Hoffnung leistet das Buch von Gilbert Achcar einen wertvollen Beitrag.

Michael Löwy (dt. Übersetzung: SoZ)


Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust – Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Aus dem Englischen von Sophia Deeg und Birgit Althaler

 

Deutsche Erstausgabe, 368 Seiten; 29,90 €, ISBN 978-3-89401-758-3

Erschienen Mai 2012, Edition Nautilus (zuvor bereits auf Englisch, Arabisch und Französisch erschienen).